Markus Orths

Markus Orths

Interview - Die Tarnkappe

Uni Salzburg am 30.09.2011 (Fragen von Sabine Coelsch-Foisner)

Salzburg hat Dich schon einmal eingeladen, zu welchem Anlass war das?

Es war eine Vortragsreihe, organisiert von der Theologischen Fakultät im Rahmen der Bachl-Lectures. Dort hielt ich einen Vortrag mit dem Titel „Literatur als existenzielle Kommunikation“. Es ging um die Frage nach der Bewertbarkeit von Literatur und der Möglichkeit einer existenziellen Kommunikation (Jaspers) ausgehend von einem literarischen Werk. Existenzielle Kommunikation ist nach Karl Jaspers eine Begegnung zweier Menschen unter den Vorzeichen: Infragestellung, Selbstoffenbarung, gleiche Ebene und Offenheit. Ich bin der Frage nachgegangen, inwieweit auch die Begegnung zwischen Text und Leser jenseits von Bewertung, Unterhaltung, Ästhetik in einem solchen Rahmen stattfinden kann.

Der Roman Die Tarnkappe ist ein existentiell-philosophisches Weiterdenken der Vorstellung, dass wir durch eine Tarnkappe unsichtbar werden können. Tatsächlich taucht dieser Gedanke nicht zum ersten Mal auf in Deiner Fiktion. War das ein Kindheitstraum von Dir?

Nein, ich habe nie davon geträumt, eine Tarnkappe zu besitzen. Aber ich habe mich schon früh gefragt, wer man eigentlich ist, wenn niemand einen sieht, hört, wahrnimmt. Die Antwort ist einfach: Ohne die Anderen bin ich niemand. Ich existiere nur durch den Blick des Gegenüber und im Blick auf ein Gegenüber. Ein sogenanntes „Selbst“ entsteht nur im Austausch mit Anderen, niemals nur in einer wie auch immer gearteten Betrachtung eines abgekanzelten Innenlebens. Zu dieser Einsicht kommt die „Philosophie der Existenz“ im weitesten Sinne. Heideggers „In-der-Welt-sein“ ist immer „Mit-sein“ mit Anderen; Buber sagt: „Der Mensch wird erst am Du zum Ich“; und Jaspers betont die Wichtigkeit der „existentiellen Kommunikation“. Der Andere kann jedoch auch zur „Hölle“ werden, wenn wir diese existenzielle Abhängigkeit vom Anderen zu einer Abhängigkeit werden lassen, die uns vorgibt, wie genau wir zu sein und zu leben haben.

Du hast Anglistik, Romanistik und Philosophie studiert - als Gregor in Simon Blochs Leben hereingeschneit kommt, flackerte für mich kurz Alfred Kubins Roman Die andere Seite auf, als nämlich ein mysteriöser Gesandter den Protagonisten in eine 'andere' Welt entführt - es ist auch eine Welt, die verlockend klingt, aber sich als dystopisch, grotesk, makaber, apokalyptisch erweist. Oder als Anglistin denke ich an Dr Jekyll und Mr Hyde, Bram Stokers Dracula oder Oscar Wildes Picture of Dorian Gray - sind das Texte, die Dich fasziniert haben?

Den Kubin-Roman kannte ich nicht. Die anderen schon.

Und natürlich der französische Existentialismus um Sartre und Camus ...

Der steht mir besonders nah. Nachdem ich im Alter von zwanzig Jahren komplett mit dem Glauben an einen Gott gebrochen hatte, war es in Freiburg die Beschäftigung mit der Philosophie Heideggers, die mich zutiefst berührt hat, da ich all das, was ich in dieser Zeit selber durchlebte (Langeweile, Einsamkeit, Angst vor dem Tod, das Lösen aus Abhängigkeiten und aus dem Man-selbst-sein etc.) bei Heidegger schwarz auf weiß niedergeschrieben fand. Zumindest beim frühen Heidegger. Das hat mich sehr stark geprägt, und in vielen meiner Texte spielen Gedanken Heideggers eine große Rolle. Auch was die pure Sprachkraft betrifft, hat mich dieser Philosoph beeindruckt. Der frühe Heidegger wird völlig zu Unrecht als Bindestrich-Philosoph belächelt. Er hat für die deutsche Sprache Unglaubliches geleistet, vergleichbar mit Meister Eckhart oder Nietzsche. Über Heidegger kam ich dann zu Jaspers, Sartre und Camus. Wobei insebsondere die Existenzielle Kommunikation bei Jaspers sowie Camus‘ Durchdringen des Absurden große Einsichten für mich bargen.

Die Mutprobe auf dem Friedhof ist ein Stück Gothic in Deinem Roman, der an mehrere fantastische Gattungen anspielt - eine packende, rasant erzählte Episode. Geht das auf ein eigenes Kindheits- oder Jugenderlebnis zurück? Geht Dir die Gothic besonders nahe?

Ich hatte im Examen Gothic Novels als Thema. Edgar Allan Poe hat mich beeinflusst, Zeit meines Lebens. Schon ab vierzehn, fünfzehn las ich eine billige Weltbild-Werkausgabe, sogar Schriften wie „Eureka“. Vor allen Dingen begeistert mich die Kombination von intensivst möglicher Spannung und gleichzeitiger (nicht nur) psychologischer Substanz, doppeltem Boden. Poe ist auch heute noch zu lesen mit angehaltenem Atem, ohne, dass es billige Schock-Effekte gibt. In Sachen Spannung kann ihm kaum einer das Wasser reichen. Und eine solche Spannung zu erzeugen beim Leser, wäre für mich ein Traum, wenn das gelänge, wäre ich sehr froh.

Dracula ist eher aus psychoanalytischer Sicht für mich interessant, das Verdrängen der Sexualität im Viktorianismus. Bei Frankenstein begeistert mich die vierfache frame-story, sowie die Tatsache, dass das „Monster“ als überaus menschliches Wesen mit tiefen Gefühlen und großer Sehnsucht nach Liebe gezeichnet wird. Und erst durch die Abweisungen der Welt zum „Monster“ wird und weil es eine Gefährtin haben will.

Die Szene auf dem Friedhof geht zurück auf ein angebliches oder tatsächliches Erlebnis, das meine beiden Ur-Großväter meinem Vater – unabhängig voneinander – erzählt haben. Und mein Vater dann mir. Es soll sich so abgespielt haben, mit dem Unterschied, dass der Junge mit dem Messer an einem Herzschlag starb.

Mir war das beim Schreiben allerdings gar nicht so richtig klar, dass – zumindest – das letzte Viertel des Romans in Richtung einer Gothic Novel geht. Erst als ich in einer Rezension von einem „existenziellen Schauerroman“ las, dachte ich: Stimmt! Das ist manchmal so, da geschehen Dinge beim Schreiben, die man selber nicht immer souverän in der Hand hat. Vieles von dem, was einen beschäftigt oder beschäftigt hat, fließt in einen solchen Roman auch ungewollt ein. Und das ist gut so. Wenn man über alles die Kontrolle hätte, dann wäre ein Roman ja ein wirkliches Monster, ein steriles, ein ausrechenbares.

Dein Roman oszilliert zwischen Menschheitstraum und finsterster Vision - Macht und Ohnmacht des Tarnkappenträgers. Gab es Momente, als Du überlegt hast, Deinen Roman utopisch oder dystopisch zu entwickeln? Es hätte auch eine heitere Komödie werden können ...

Ich glaube nicht, dass es eine Komödie hätte werden können. Jedenfalls nicht für mich. Wenn man den voyeuristische Aspekt des Leute-Beobachtens verstärkt hätte, vielleicht schon, aber der interessierte mich nur am Rande, außerdem wäre ein solches Ausschlachten billig gewesen, die erste mögliche Falle, die man als Autor bei einem solchen Stoff umgehen muss.

Utopie oder Dystopie standen für mich auch nicht im Fokus. Wenn man davon absieht, dass Simons Bloch Handeln eine pessimistisch-negative Weltsicht zu Grunde liegt und er das Leben als nicht lebenswert ansieht. „Das Leben lebenswert? Amen, ich sage euch, der Tod ist todeswert. Und bei jedem Schmerz probiert der Tod schon mal unsere Körper an [Zitat nach Max Sessner]. Die Menschen taugen nicht fürs Überleben, sondern fürs Untergehn. Fürs früher oder später Untergehn. Sind keine Rattensäuger mehr, nur ekelhafte Rattenmenschen, denkende, zitternde Kreaturen.“ (Die Tarnkappe, S. 208)

Das Motiv der Tarnkappe stammt ursprünglich aus der Erzählung „Löwes Welt“, die im Frühjahr 2013 in einem Erzählband erscheinen wird. Ich habe aber erkannt, dass dieses Motiv Stoff für einen eigenen Roman ist und habe es ausgekoppelt aus der Erzählung. In der Erzählung „Löwes Welt“ gibt es einen hyperintelligenten Protagonisten, der als Verfasser von 60 Doktorarbeiten verantwortlich zeichnet (das war noch vor zu Guttenberg!). Unter anderem für eine Camus-Dissertation. Dort stand (in einer gestrichenen Passage!): „Löwe beschimpft in dieser Dissertation Camus, weil er, Camus, alles gewusst, aber nichts ernst genommen hat, weil er, Camus, die alles entscheidende, die einzige Frage der Philosophie gestellt und aufgeworfen hat, die Frage, weshalb der Mensch sich angesichts der Absurdität des Lebens nicht einfach umbringe, weil aber er, Camus, auf die entscheidende Frage die falsche Antwort gegeben hat, diese weichgespülte Antwort, man müsse weiterleben wie Sisyphos, inmitten der Absurdität, man müsse die Absurdität annehmen, sich ihr stellen, man müsse als glücklicher Sisyphos das Leben leben, nein, schreit Löwe, die Antwort auf die Frage könne nur lauten: Es gibt keinen Grund, es gibt keinen Grund, sich nicht umzubringen, es gibt nur den einzigen Grund, dass man es nicht kann, dass man die Kraft nicht hat, es zu tun.“ Insofern ist „Löwes Welt“ und „Die Tarnkappe“ dystopisch, indem der Sinn der Existenz des Menschen überhaupt in Frage gestellt wird.

Das wird sich aber ändern, bei dieser pessimistischen Weltsicht möchte ich als Autor nicht stehen bleiben. Und der dritte Teil der „Unsichtbarkeitstrilogie“ wird von einer anderen Seite und Sicht an die Sache herangehen.

Bloch leistet 'Sterbehilfe', er tötet, wird selber zum Gehetzten, verstört seine Umwelt, und lernt ... Ist er eine Faustische Figur?

Das Töten und das Gehetztsein ist einerseits der Dramaturige geschuldet, andererseits der Tatsache, dass Bloch das Leben der Anderen (und damit sein eigenes) als nicht lebenswert erachtet und die Wohnungen der Menschen „Lebensvollzugsanstalten“ nennt. Am meisten liebt es Bloch, die Menschen zu verstören. Er will sie herausreißen, später erlösen, sprich, töten. Am Ende des Romans löst sich Bloch vollends auf, er wird zu einem puren Gefühl, zu der elementaren Angst, die alle Menschen umtreibt: Nämlich das Gefühl, dass wir sterben werden. Als ein solches kriecht er in die Köpfe und Herzen der Menschen, er ist immer schon da, und wir werden ihn niemals los. Wenn er nicht alle Menschen töten kann, so doch alle Menschen verstören und immer wieder daran erinnern, dass sie sterblich sind.

Jeder kennt doch dieses Gefühl: Man schreckt auf, nachts, und weiß plötzlich mit erdrückender Bestimmtheit, dass es irgendwann vorbei ist. Das ist ein kurzes, ekelhaftes, halsabschnürendes Gefühl. Und es ist einerseits gut, dass der Mensch gelernt hat, dieses Gefühl so schnell wie möglich zu verdrängen. Denn wenn es andauerte, nicht auszudenken! So in etwa stelle ich mir den Gemütszustand eines an Depression Erkrankten vor. Jedenfalls scheuchen wir diese Angst fort. Die Angst zu sterben. Und jede Angst zu sterben, ist immer eine Angst, nicht gelebt zu haben. Die Angst vor dem Nichts, ist nicht so sehr die Angst vor dem völligen Verlöschen, sondern die Angst, die Dinge, die man eigentlich immer hatte tun wollen, am Ende seines Lebens nicht getan zu haben. Im Fall von Simon Bloch ist das die nicht ergriffene Möglichkeit, Filmkomponist zu werden. Also alle unerfüllten, nicht wirklich, nicht sichtbar gewordenen Möglichkeiten und Sehnsüchte. Sowie alle Verluste, die wir im Leben erlitten haben, also all das, was nicht wiederkommen kann, angefangen vom Verlust der Kindheit über – in Blochs Fall – den Verlust seiner Frau. Sowie schließlich all das, was wir nicht sehen wollen, nämlich das Böse, Abscheuliche, Grauenhafte in uns. Im Fall von Simon Bloch die Schuld, die er als Kind auf sich geladen hat. Insofern kann man die Metapher Tarnkappe auch als Metapher dafür nehmen, wie sehr wir als Menschen bestimmt sind von Dingen, die nicht (mehr) zu sehen sind oder die wir nicht sehen wollen.

Mit der Tarnkappe triffst Du nicht nur die postmoderne Debatte um Identität und 'Was ist der Mensch', Du triffst auch zentrale Themen der modernen Medizin, Psychologie, und der Forschung, was nach dem Tod mit uns passiert - gibt es ein Denken jenseits des Körpers, oder unabhängig davon, etwas das weiterbesteht, wenn der Mensch tot ist - oder sich aufgelöst hat? Sind das Fragen, mit denen Du Dich besonders beschäftigt hast oder beschäftigst?

Das tut jeder Mensch, oder? Die Angst vor dem Tod teilen alle Menschen. Ich persönlich bin stark katholisch geprägt, habe dann aber im Alter von zwanzig Jahren, als ich von meinem Heimatort Viersen nach Freiburg ging, radikal mit dem Glauben gebrochen. Nicht nur mit der Kirche, auch mit dem Glauben. Mir ist ganz einfach klar geworden, dass ich niemals so etwas wie eine Gotteserfahrung erlebt habe. Dass mein ganzer Katholiozismus nur aufgesetzt war, nicht wirklich von innen durchdrungen, quasi „verordnet“. Es gibt frühe Texte, in denen ich dies mit einer „Zwangsjacke“ verglich.

Von diesem Ausbruch aus der Kirche und dem Glauben, von dieser beginnenden Selbstbestimmung habe ich sehr lange gezehrt, das heißt, ich habe wirklich versucht, mich neu zu finden und zu erfinden, und dabei haben mir eine Reihe von in Freiburg neu gefundenen Freunden sehr stark geholfen. Von daher war das Entdecken des Eigenen, dessen, was man wirklich will im Leben, immer auch stark mit dem Dialog, mit der Auseinandersetzung mit dem anderen (Menschen!) verbunden.

Was nun den Körper betrifft, so glaube ich tatsächlich, dass mit dem Ende des Körpers auch ein Ende des Denkens einhergeht und ein Ende der individuellen Existenz. Ich glaube nicht an das Fortbestehen von so etwas wie einer Seele. Man kann natürlich sagen, dass unsere Körper eingehen in den Kreislauf der Natur, sie düngen den Boden, die Pflanzen werden gefressen, die Pflanzenfresser werden von den Menschen gefressen, und so gehen wir wieder ins allgemeine Leben ein und haben an allem Anteil. Ja, schön. Aber davon bekommen wir ja nichts mehr mit. Außerdem werde ich mich verbrennen lassen und nicht vergraben.

Trotzdem gibt es diese Sehnsucht, weiterzubestehen nach dem Tod. Sie drückt sich – wie von vielen Menschen vor mir beschrieben – in dem Wunsch aus, Kinder zu zeugen und in ihnen fortzubestehen, oder in dem Wunsch, ein Kunstwerk, etwas Ewiges zu schaffen. Oder aber in der Religion, in der Sehnsucht nach dem Ewigen Leben.

Ich würde keinem Menschen seine Religion streitig machen wollen. Wenn jemand eine tiefe Gotteserfahrung gemacht hat und aus diesem Glauben heraus eine Kraft für das Leben hier auf Erden schöpft, dann kann man nur (und das ist ganz ohne Ironie gemeint) sagen: Glückwunsch! Ich würde nur zu bedenken geben, dass – wenn dies nicht der Fall ist – sich viele sogenannte Gläubige vielleicht in etwas flüchten oder an etwas klammern, und dann kann der Glaube tatsächlich zum berühmten Opium werden.

Eine zentrale Rolle im Roman spielt der Künstler als Kunstwerk, als Objekt seiner eigenen Beobachtung. Deine Anspielungen auf Filmmusik und Filmmusikkomponisten sind unglaublich kenntnisreich - hast Du dazu umfassend recherchiert, oder spiegelt sich in Simon Blochs unerfülltem Traum vom Filmkomponisten ein eigener Traum?

Für die Filmmusik-Textstellen musste ich gar nichts oder kaum etwas recherchieren. Ich bin ein Filmfreak und ein begeisterter Filmmusik-Hörer. Als Kind hatte ich tatsächlich den Wunsch, Filmkomponist zu werden, das ist das einzige autobiographische Moment in der „Tarnkappe“. Musik kann eine unmittelbarere Wirkung erzielen als das Wort. Neulich sah ich eine Reportage über den Pianisten Lang Lang. Der sagte über Franz Liszt, dass dessen Musik gleichzeitig glücklich und traurig mache. Das kann Musik tatsächlich viel leichter als das Wort. Und ich hoffe immer noch, dass es mir irgendwann gelingt, ein Buch zu schreiben, in dem der Leser gleichzeitig oder zumindest kurz hintereinander lachen und weinen kann.

Was den Film betrifft, so ist das ja sozusagen das Zusammenbringen aller Künste in Bild, Musik, Wort, aber auch Handlung, Dramatik, Geschichte. Die Filmmusik wird stark unterschätzt, ist aber ein ganz wesentliches Element für diese Kunstform. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben: Sollte ich mal ein tolles Drehbuch schreiben, bei dem alle Produzenten Schlange stehen, dann werde ich sagen: Ihr kriegt das nur, wenn ich selber die Filmmusik komponieren darf!

Du hast sehr konsequent veröffentlicht, laufend Preise und Stipendien bekommen - über 150.000 Exemplare von „Lehrerzimmer“ verkauft, der Roman „Das Zimmermädchen“ wurde in zehn Sprachen übersetzt - was ist Dein unmittelbares Ziel? Und hast Du bereits ein neues Romanprojekt im Kopf?

Fertig ist ein Band mit Erzählungen (Titel: „Irgendwann ist Schluss“), der im Frühjahr 2013 erscheinen wird. Denn 2012 brauche ich mal eine Pause. Im Augenblick arbeite ich an einem größeren Projekt, das mir schon länger unter den Nägeln brennt. Es ist der dritte Teil der „Unsichtbarkeitstrilogie“, wie ich es nenne, nach den ersten beiden Teilen „Das Zimmermädchen“ und „Die Tarnkappe“. Auch im dritten Buch wird nur das Thema des Unsichtbarseins eine Rolle spielen, ansonsten wird es ein inhaltlich ganz anderes Buch, wenn es denn gelingt. Formal ist es viel breiter angelegt, vom Ton her auch mit satirischen, komödiantischen Elementen durchsetzt. Hier gibt es auch utopische Momente. Vom Stoff her müsste das Vorhaben mühelos die 500-Seiten-Grenze sprengen, und das ist für mich etwas Neues. Und dabei schwingt das mögliche Scheitern immer mit.

Du hast Erzählungen und Romane geschrieben - was liegt Dir näher und wann entscheidest Du - das ist ein Stoff oder Gedanke für eine Geschichte, das wird eine Roman?

Meist weiß man es schnell. Aber wie gesagt, manchmal werden plötzlich aus Texten, die eher als Erzählung angedacht waren, größere Texte, die dann – wie beim Zimmermädchen – in einem Zwischenraum angesiedelt sind: längere Erzählung oder Kurzroman. Dennoch ist es gut, sie dann einzeln zu veröffentlichen, weil sie sonst Gefahr laufen, vom Gewicht der übrigen Erzählungen erdrückt zu werden. Beim „Zimmermädchen“ war es die bestmögliche Entscheidung, das Buch allein zu veröffentlichen, denn sonst hätte man es zum Beispiel nie so gut ins Ausland verkaufen können.

Ich finde es aber grundsätzlich schade, dass alle Welt so nach Romanen schielt, denn die Gattung der Erzählung oder Short Story birgt für mich immer einen großen Reiz. Ich lese selber auch gern Erzählungen. Eine gelungene Erzählung hat etwas von einem Zaubertrick: In ganz kurzer Zeit lässt der Autor vor den Augen des Lesers eine Welt oder einen Ausschnitt einer Welt oder ein Ereignis oder etwas Unglaubliches entstehen. Und nimmt es wieder weg (mit dem Ende) und lässt den Leser in seinem Erstaunen allein. Salinger, Poe, Cortázar und so weiter! Während ein Roman viel mehr Zeit hat für Figuren, Szenenkulminationen, Handlugsstränge und auch Nebensächliches. Dennoch bemühe ich mich auch beim Roman um Kürze, denn es gibt leider viele viel zu lange Romane.

Der Markt für Geschichten ist bei weitem kleiner als der für Romane, lohnt es heutzutage, Geschichten zu schreiben?

Vom Finanziellen her nicht. Von der Lust her schon! Und zwar sehr!

nach oben