Markus Orths

Markus Orths

Interview zu „Alpha und Omega“/ ELINAS, 2015


1. Physik:

  • In Ihrem Roman spielen Physik und Physiker eine große Rolle. Oft werden dabei Theorien wiedergegeben oder auch Kritik geäußert. Woher nehmen Sie diesen Einblick in die Community? Haben Sie für die Recherche Kontakt zu Physikern aufgenommen?

Ich habe drei Monate lang sehr viel gelesen. Vornehmlich Bücher, in denen Physik-Professoren Laien versuchen, physikalische Zusammenhänge einigermaßen verständlich zu erklären. Darüber hinaus habe ich auf YouTube Vorlesungen/Vorträge/Debatten angeschaut. Über die Themen, die mich interessierten. Zum Beispiel die Issac Asimov Memorial Debates im Hayden Planetarium New York. Die Debatte von 2013 hat mich zu den Textstellen über Richard Gott III. inspiriert. Den gibt’s wirklich. Einen Physikprofessor mit dem Namen Gott! Kann man nicht erfinden. Vor der Drucklegung haben wir dann alle „Physikstellen“ von einer Physikerin „fachlektorieren“ lassen.

  • „Alpha und Omega“ trägt sowohl Eigenschaften von Science Fiction als auch von Popliteratur. Dabei haben Sie physikalische Phänomene teilweise tiefgreifend recherchiert um sie in die Romanstruktur zu verweben. War eines Ihrer Anliegen dabei, Physik zu popularisieren? Für wie wichtig halten Sie es, dass fachwissenschaftliche und teilweise sehr spezielle Inhalte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden? Kann Popliteratur jemals adäquat physikalische Diskurse darstellen? Sollte sie das?

Nein, ich wollte Physik nicht popularisieren. Das geht in den populärwissenschaftlichen Fachbüchern sicher besser. Und in diesen Sachbüchern finde ich es auch richtig, wichtig und gut. Mir war es aber ein großes Anliegen, gerade auch einmal  wissenschaftliche Zusammenhänge zu literarisieren. Es kann ja nicht sein, dass es jedes Jahr Tausende von Romane gibt über Vergangenheitsbewältigung und Kindheitserinnerungen und Liebesbeziehungen und so weiter, aber kaum Romane, die sich mit den brennenden wissenschaftlichen Fragen unserer Zeit beschäftigen. Ich finde, die Literatur hat da eine große Chance, die Leser auch einmal mit Feldern zu konfrontieren, die ihnen nicht so geläufig sind. Natürlich, bei mir ist das satirisch überspitzt, aber immerhin. Wichtig ist: Eine Parodie kann nur funktionieren, wenn der parodierte Gegenstand die Grundlage ist und bleibt. So beruhen alle Darstellungen von physikalischen Theorien in meinem Roman auf Erkenntnissen und Begriffen der Physik. Ob Striptease-Pirouetten, Baby-Universen, Phantomenergie oder vieles mehr: Das alles sind nicht meine Erfindungen, sondern aktuelle Begriffe der Wissenschaft, wenn auch aus einem hoch spekulativen Zweig der Wissenschaft.

Ich muss und soll als Literat auch nichts adäquat darstellen, das können die Wissenschaftler selber oft nicht. Ich darf nur den Boden unter den Füßen nicht verlieren. Ich kann nicht irgendwelche Theorien erfinden, die es gar nicht gibt und dann so tun, als gäbe es sie. Die existierenden Theorien und Begriffe darf und will ich aber in ihrer immanenten Groteskheit darstellen. In ihrer spekulativen und manchmal assoziativen Kraft stehen solche Theorien (jedenfalls vom Ergebnis, nicht von der Herangehensweise her) manchmal auch in der Nähe der literarischen Spekulationskraft. Und die wandelt in meinen Augen immer dicht am Rande des träumerischen Wahnsinns.

Was die gängigen Einteilungen der Literaturwissenschaft angeht: Popliteratur, Science Fiction, E und U etc.: So ist mein Bestreben, mich gerade dieser Schubladen-Einteilung massiv zu entziehen.

  • Sabrina ist der einzige Hauptcharakter Ihres Buches, der eine traditionell wissenschaftliche Ausbildung durchlaufen hat. Sie trägt einen inneren Kampf zwischen ihrer Wissens- und ihrer Sinneslust aus, scheint letztere für erstere zu unterdrücken. Ist für Sie Sabrina eine prototypische Physikerin?

Auf keinen Fall! Sie ist ein Individuum, eine Erfindung, eine Romanfigur. Einerseits will ich in meinen Büchern nicht nur klassische Einteilungen, Genres, Normen etc. aufbrechen, sondern immer auch Klischees. Und dem Klischee der staubtrockenen, brillenschlängelnden Physikerin setze ich im Roman eben Sabrina Stewards Sexsucht entgegen. Außerdem haben fast alle meiner Figuren in „Alpha & Omega“ das Potenzial, eine Hundertachtziggrad-Wendung zu vollziehen. Da ist es gut, wenn mindestens auch „zwei Seelen in der Brust“ schlagen.

  • Am Anfang des Romans hält Gusto seiner Enkeltochter eine längere, nicht immer ganz ernste, jedoch relativ tiefgründige Abhandlung über moderne Kosmologie. Wie Ihr Charakter haben Sie sich mit der Materie auseinandersetzten müssen. Spiegeln die Darstellungen Gustos Ihre Ansichten über Kosmologie wider?

Nicht zu hundert Prozent. Aber einiges würde ich unterschreiben. Auch für mich ist es absolut nicht nachvollziehbar, wenn mir ein Wissenschaftler Glauben machen will, dass man 0,00000000000000000000000000000000000000000001 Sekunden nach dem Urknall recht gut Bescheid weiß, über das, was dann geschah. Es mag mit unseren Beobachtungen und dem Gerüst der Berechnungen mathematisch stimmen, aber die Mathematik ist eben auch nur ein menschengemachtes Konstrukt und unsere Beobachtungsmöglichkeiten sind immer noch sehr stark begrenzt. Ich glaube nicht, dass man ernsthaft wird herausfinden können, was beim oder unmittelbar nach dem sogenannten Urknall geschah. Das wird für mich im Reich der – wenn auch durch Beobachtung unterstützten – Spekulation bleiben. Wobei ja auch der „Urknall“ schon in Frage gestellt wird. Und die oben genannte Zahl hat für mich keinen Realitätsgehalt. Sie ist für einen Menschen weder vorstell- noch erfahrbar, und daher kann ich viel darüber spekulieren, was in zehn hoch minus 43 Sekunden nach dem Urknall geschah. Das berührt mich nicht. Genauso wenig wie mich die christliche Erzählung berührt, Gott hätte die Welt in sieben Tagen erschaffen. Glaub ich auch nicht dran. Punkt.

Ich finde es aber rührend, wie der Wissenschaftler versucht, hinter die letzten Geheimnisse zu kommen. Und weitaus sympathischer  als ein bloß religiöser Glaube an irgendeinen Schöpfer. Dennoch sehe ich eine Gefahr, wenn das Denken, man könne die Welt prinzipiell mathematisch und wissenschaftlich entdecken und erkennen, absolut gesetzt wird. Dass dies geschieht, würden Wissenschaftler vehement abstreiten, weil alles nur Theorie und keine „Wahrheit“ sein kann. Aber ich finde, latent schlummert diese Überzeugung, dass die Welt prinzipiell vermessbar und enträtselbar sei, dennoch im wissenschaftlichen Denken.

  • Während Physiker die nackte Singularität, wie Sie schreiben, „grauenerregend“ fänden, nutzen Sie die Möglichkeit des Zusammenbruchs des „würdevollen Kausalitätsprinzips“ (S.245), um die fantastischen Elemente Ihres Romans geschickt zu legitimieren. Sind das die Freiheiten, die nur ein Autor hat, oder sollten Physiker und Naturwissenschaftler im Allgemeinen mehr über solch scheinbar künstlich, selbst gesetzte Grenzen hinweg denken? Stellt Ihr Roman einen Appell dar, dass auch solche Zensuren nicht in Stein gemeißelt sein sollten, dass Fantasie und Kreativität Ihren Platz in der Wissenschaft haben sollten?

Nein, Fantasie und Kreativität haben durchaus bereits jetzt einen großen Platz in der Wissenschaft. Theorien, die heute als relativ gut belegt gelten, waren einst oft nur verrückte Gedanken von wissenschaftlichen Pionieren, belächelt, nicht ernst genommen, dann aber gab es immer mehr Beweise für diese Spekulationen usw. Die „kosmologische Konstante“ zum Beispiel hatte Einstein selber als seine „größte Eselei“ bezeichnet. Heute stellt sich den Wissenschaftlern ein Zusammenhang zwischen jenem Einsteinschen Begriff und der sogenannten Dunklen Materie dar. Vielleicht hat Einstein doch auf etwas Entscheidendes hingewiesen, für das ihm damals die Worte und die Beobachtungsmittel fehlten.

Und zur „kosmologischen Zensur“: Ich stieß bei meinen Recherchen darauf. Eine nackte Singularität kann es nicht geben, weil sonst die Gesetze der Physik nicht mehr gelten, sagt man. Aus Sicht der Physiker scheint dies sinnvoll. Denn wenn es eine nackte Singularität gäbe, würde sich schon die Frage aufdrängen, weshalb hier unten auf Erden alles nach den bekannten physikalischen Gesetzen verläuft. Mir aber stellte sich die Frage: Kann nicht sein, was nicht sein darf? Und was wäre, wenn es doch gäbe, was nicht sein darf? Und die physikalischen Gesetze ausgehebelt würden? Das fand ich spannend.

  • In Ihrem Roman spielen schwarze Löcher eine große Rolle. Diese sind sowohl Gegenstand heutiger theoretischer Forschung als auch von teils heftigen Diskussionen außerhalb der Wissenschaft. Was stellt für Sie die Faszination, die für uns Menschen offensichtlich von diesen wenig erforschten Objekten ausgeht, dar?

Man muss unterscheiden zwischen riesigen Schwarzen Löchern im Weltall und den kleinen Schwarzen Löchern, die Menschen eventuell herstellen können. Die Giganten im Weltall wurden noch nie beobachtet. Lediglich die Dinge, die vor sich gehen am sogenannten Ereignishorizont, dem „Rand“ des Schwarzen Lochs. Diese Dinge können (aus unserer menschlichen Sicht) nur erklärt werden, wenn man ein großes Schwarzes Loch postuliert. Alles, was über die Schwarzen Löcher dort oben selber ausgesagt wird seitens der Physiker, ist Spekulation. Allerdings eine überaus faszinierende. Die meisten Physiker sind ja auch Science-Fiction-Fans. Der Film „Interstellar“ zum Beispiel, in dem ein Mensch in ein Schwarzes Loch springt, wurde mit Hilfe von Physikern gedreht. Das ist überaus interessant. Sich vorzustellen, dass die Zeit dort drinnen wie ein Raum aussehen könnte, durch den man Meter um Meter, also Sekunde um Sekunde hindurchgehen kann.

Die kleinen Schwarzen Löcher, die zum Beispiel im CERN in Genf entstehen könnten, stellen laut CERN-Wissenschaftlern keine Gefahr dar. Sie würden, falls sie überhaupt entstehen, gleich wieder zerfallen. Es gibt aber kritische Stimmen, die dieser Theorie (die auf der sogenannten Hawking-Strahlung basiert) widersprechen. Und ein Szenario entwerfen, in dem ein solches künstliches, kleines Schwarzes Loch einmal wächst und wächst und die Erde innerhalb von 50 Monaten verschluckt. Das ist natürlich ein toller Romanstoff!

Daneben bildet ein Schwarzes Loch unglaubliche Metaphern potenzial. Geburt, Tod, Sex, Energie im Allgemeinen, Anfang, Ende, Auflösung der Zeit etc. Das hat mich ungeheuer gereizt, dies alles im Roman anzudeuten, auszuführen, umzuquirlen.

  • Man könnte das Schwarze Loch, das am Ende fast den Untergang der Welt herbeiführt, als einen Hauptcharakter Ihres Buches bezeichnen. Es verhält sich nicht im Geringsten so, wie es die heutige Physik voraussagt. Also nicht wie ein kalte, seelenloses Entität sondern vielmehr wie eine Person. Weshalb diese Personifikation eines physikalischen Phänomens?

Ja, ganz klar: Das Schwarze Loch, wie es die CERN-Kritiker beschreiben, wäre romanmäßig recht langweilig gewesen. Es wächst halt und wächst, und dann ist irgendwann Ende Gelände. Es war mir aus zwei Gründen sehr wichtig, das Loch als ein eigenes Wesen zu personalisieren. Der inhaltliche Grund:  Das Loch „handelt“ völlig anders, als die Wissenschaftler es voraussehen. Daher nennen sie es auch nicht mehr Schwarzes Loch, sondern DEPP (Dunkles Energie Potenz Plasma) oder Chaos Materie (Chama). Damit wollte ich klarmachen, wie wenig der Wissenschaftler letzten Endes voraussagen kann. Wie oft die Theorien einfach so zerfallen, zerstäuben, sich auflösen. Wie unberechenbar und geheimnisvoll viele Dinge sind und bleiben, wissenschaftlicher Blick hin oder her. Dass die Wissenschaft bezüglich vieler Dinge dann doch auch nur eher beobachten kann, weniger erklären. Der dramaturgische Grund: Wenn das Loch nicht vorhersehbar wächst, kann ich es genau dann wachsen lassen, wann es wachsen soll, kann ich es „handeln“ lassen, wann es im Roman handeln soll. Ich passe das Loch sozusagen der Geschichte an. Das ist natürlich ein dramaturgischer Trick, aber inhaltlich (siehe oben) unterfüttern, also kein billiger Trick und keine Beliebigkeit.

  • Bei der Diskussion über den Ursprung von Omegas Fähigkeiten, die in der Existenz eines Schwarzen Lochs in ihrem Kopf begründet werden, parodieren Sie den Verlauf wissenschaftlicher Theoriebildung. Dabei werden „weltanschaulicher Mainstream“ (S.177) und die Ausgrenzung von Andersdenkern als „durchgeknallte Spinner“ (S. 176) angesprochen. Wie verlaufen Prozesse wissenschaftlicher Theoriebildung Ihrer Ansicht nach? In welcher Art und Weise könnte die Methodik des Erkenntnisgewinns der heutigen Wissenschaft verbessert werden?

In dem Buch, das ich dort zitierte, wurde gesagt, dass eben diese „durchgeknallten Spinner“ später geadelt wurden als die Entdecker von elementaren wissenschaftlichen Theorien. Also wie gesagt: viele Theorien klingen, erstmals ausgesprochen, hanebüchen. Wenn die Physiker Werner und Petters zum Beispiel von „Striptease-Pirouetten“ sprechen, mit denen ein Schwarzes Loch im Weltall seinen Ereignishorizont abwerfen kann, werden sie wahrscheinlich heute auch belächelt von Kollegen. Aber wer weiß, ob in 200 Jahren nicht die Striptease-Pirouetten vollkommen gängige Theorie sind? Im Roman habe ich das parodiert mit der Erweiterung der berühmten String-Theorie zur „String-Tanga-Theorie“ (t=a hoch n mal g durch a), also vollkommener Nonsens eines „durchgeknallten Spinners“, nämlich des Autors in diesem Fall. Aber vielleicht kriege ich ja in 300 Jahren posthum den Nobelpreis für Physik ...

Ich bin der Überzeugung, dass der Erkenntnisgewinn nicht um seiner selbst willen die Wissenschaft dominieren darf. Die Neugierde sollte sich nicht verselbständigen. Es gibt zahllose Probleme, an denen Wissenschaftler konkret arbeiten könnten. Stattdessen wird die Lösung vieler dieser Probleme auf eine Zukunft verschoben, um sich eher Dingen zu widmen, die jetzt in meinen Augen erst mal nicht so wichtig sind. Was nach dem Urknall genau geschah, interessiert mich ehrlich gesagt herzlich wenig. Viel dringender würde mich interessieren, wie man den Klimawandel in den Griff bekommen könnte.

Die Kombination von wissenschaftlicher Ermöglichung und wirtschaftlichem Interesse, welches das politische Handel dominiert, kann gefährlich sein. Denn wer bezahlt die Wissenschaftler und Forscher? Man hätte zum Beispiel bis heute kein einziges Atomkraftwerk in Betrieb nehmen, sprich gar nicht erst bauen dürfen. Warum? Weil man keine Lösung für den Müll gefunden hat. Hätten wir statt auf Atomenergie schon ganz zu Beginn auf regenerative Energien gesetzt, wären wir in unserer Entwicklung als Gesellschaft wohl mindestens 30 Jahre zurück. Die Technisierung wäre wesentlich langsamer verlaufen: eben, aufgrund der fehlenden Atom-Energie. Es gäbe wohl keine Handys und kein Internet. Aber das fände ich erst mal nicht so schlimm. Wir wären halt in einem wesentlich gesünderen Maße gewachsen als mit dieser Atom-Energie, die es in meinen Augen gar nicht geben dürfte.

  • Sie lassen Ihren Erzähler Elias mit den Worten: "Hier muss ich anfügen, Freunde, dass es damals Gang und Gebe war, die Wirklichkeit der Theorie anzupassen statt die Theorie der Wirklichkeit" (S.244) deutliche Wissenschaftskritik, hier am Beispiel der Kosmischen Zensur, üben. Glauben Sie, dass der Wunsch nach Ästhetik und Symmetrie als Argument einer physikalischen Theorie den Vorzug zu geben, nicht legitim ist? Glauben Sie, Physiker stellen sich diese Frage?

Also ich finde, Ästhetik und Symmetrie sind keinesfalls wissenschaftliche Argumente. Und ich denke und hoffe, dass die Physiker sich auch davon nicht allzu sehr leiten lassen. Ob sie sich diese Frage stellen, weiß ich nicht. Ich las, dass eben physikalische Theorien gerne wegen ihrer Eleganz gelobt werden.  Das aber kann in meinen Augen kein Kriterium für eine wissenschaftliche Theorie sein. Ist es aber auch nicht, sondern nur ein Ausruf der Freude, hoffe ich mal für die Physiker.

  • Dieses Streben nach Schönheit in der Physik wird in Ihrem Roman auch aufgegriffen mit dem Zitat Hawkings „It´s so beautiful, it must be true“ (S.174). Es steht neben dem Schönheitsideal von Germany´s Next Topmodel. Ist das Streben nach Schönheit, ihrer Meinung nach, etwas inhärent Menschliches?

Aber klar. Alles Schöne zieht erst einmal an. Auch wenn der Blick auf das Schöne immer ein anderer ist, wie der Blick auf das Kunstwerk. Bei „Germany’s next Topmodel“ werden junge Frauen als Schönheiten gepriesen, die mir selbst niemals als solche aufgefallen wären. Doch die Jury dort hat eben einen ganz anderen Blick, achtet auf Größe, Gesichtsirritationen, Beinlänge etc., auf alles, was sich für Laufstege und Kataloge eignet.  

  • Sabrina zitiert, wenn sie sich der Schwierigkeiten von Zeitreisen bewusst wird, Woody Allen: „Mich erstaunen Menschen, die das Universum begreifen wollen, wo es schon schwierig genug ist, sich in Chinatown zurechtzufinden“ (S.247). Sind Physiker, und auch der Mensch überhaupt, von einer gewissen Hybris in ihrem Unternehmen geleitet und stellt diese nicht auch gleichzeitig eine Notwendigkeit für erfolgreiche Forschung dar?

Natürlich gibt es eine Hybris. Ein chinesisches Sprichwort lautet auch: „Der Frosch, der im Brunnen sitzt, beurteilt das Ausmaß des Himmels nach dem Brunnenrand.“ Wir sind angesichts der postulierten immensen Größe des Universums (wenn es nicht gar unendlich groß ist) noch nicht mal ein Frosch im Brunnen, sondern blinde Maulwürfe unter dem Brunnen. Ob diese Hybris für eine erfolgreiche Forschung notwendig ist, glaube ich nicht. Aber auch hier hängt alles an dem Wort „erfolgreich“. Wenn es für die Wirtschaft erfolgreich sein soll, braucht es die Hybris und den Blick zu den Sternen und das Fünf-Schritte-voraus-sein. Wenn es für die „Menschheit“ erfolgreich sein soll, müsste man zunächst einmal einen Schritt nach dem anderen tun, bzw. zunächst einmal zurückgehen, um die Trümmer, die man unterwegs hinterlassen hat, aufzuräumen.

  • Bitch plädiert mit einem Einstein-Zitat für das Paranormale, für die Wahrung des Geheimnisvollen. Einstein sieht das Geheimnisvolle als den Beginn von Kunst und Wissenschaft an. Ist eine vollkommene Erklärbarkeit der Welt erstrebenswert? Strebt die Physik diese denn überhaupt an? Und: In Ihrem Buch stehen Glaubensrichtungen wie Katholizismus, Buddhismus und auch die esoterische Weltanschauung Bitchs neben der Physik. Inwiefern sehen Sie Wissenschaft selbst als eine Art Glaubenssystem? Stellt Sie einen Ersatz/ eine Ergänzung zum Glauben dar?

Die Physik will wissen. Religion und Esoterik wollen glauben. Das ist ein – Achtung, Kalauer! – himmelweiter Unterschied. Das Wissen der Physik zielt aber nicht nach so etwas Schwammigem wie Wahrheit, sondern nach einer geltenden Theorie, die eben so lange gilt, bis jemand sie widerlegt. Der Glaube an einen Gott kann nicht widerlegt werden. Die Physik kann scheitern, will scheitern, scheitert permanent. Esoterik und Religion können nicht scheitern. Ich sehe aber im Scheiternkönnen der Wissenschaft einen großen Vorteil. Die Religion sagt: So war es! Also entweder du hast eine Glaubenserfahrung oder eben keine. Die Wissenschaft kann dagegen überzeugen, Argumente in den Ring werfen, man kann sich streiten und Lösungen finden. Bis hierhin stehe ich klar auf der Seite der Wissenschaft.

Aber, und das ist meine Kritik: Wenn in der Wissenschaft gesagt wird: Eines Tages werden wir eine Technik finden, die unsere heutigen Probleme lösen wird, ist das auch ein Glaube: ein Fortschrittsglaube, ein Technikglaube, ein Glaube (vielleicht nicht an die vollkommene Erklärbarkeit, aber doch) an die prinzipielle Lösbarkeit aller Probleme durch den Menschen und durch menschliche Erfindungen. Und dieser Glaube an eine Technik, die es heute noch nicht gibt, könnte sich noch verheerender auswirken als der Glaube an einen Gott und die Absolutsetzung dieses Glaubens im Fundamentalismus es jetzt schon tut. 

 
2. Erzählanlage:

  • Die gesamte Geschichte wird von Elias erzählt, der aus dem Jahr 2525 in das Jahr 2000, in die „Zeit der Barbaren“, zurückgereist ist. Über poetologische Kommentare oder Prolepsen macht er sein Erzählen explizit, der Leser hat damit ein Stück weit am Erzählprozess teil. Welche Rolle spielt das Erzählen auch außerhalb von Romanfiktionen? Inwieweit wird in der Wissenschaft ebenfalls erzählt?

In meinem Roman ist von vornherein klar: Alles erfunden. Alles erzählt. Keiner wird mir glauben, dass ich (der Autor Orths) eine E-Mail aus dem Jahr 2525 im Outlook fand, von einem Elias Zimmermann, im Anhang sein Roman. In der Wissenschaft wird ebenfalls erzählt. Jedenfalls in einer hoch spekulativen Wissenschaft wie der Kosmologie zum Beispiel. Aber es wird erzählt in verschiedenen Abschattungen. Der Wissenschaftler selber formuliert sehr vorsichtig, fragend: Es könnte sein, vielleicht, man kann davon ausgehen, dass etc. Es gilt zum Beispiel heute als wahrscheinlich, dass rund 380.000 Jahre nach dem Urknall das Universum transparent wurde. Wenn ich aber ins Planetarium gehe, dann heißt es dort schon: „Das Universum wurde nach 380.000 Jahren transparent.“ Und diese Verfestigung einer Erzählung, die im Grunde nicht mehr als eine recht gut belegte Annahme ist, diese Verhärtung zu einer Art „Wahrheit“ sickert in die Köpfe der Leute. Und das halte ich für gefährlich. Eine Verselbständigung wissenschaftlicher Theorien hin zu von der Wissenschaft ursprünglich gar nicht gewollten „Fakten“-Aussagen.

Das hatte schon 1935 Edmund Husserl in seiner „Krisis der europäischen Wissenschaften“ gesagt. Und ich finde das teilweise immer noch aktuell. Er sagt zum Beispiel, dass die (damals) neuzeitliche Mathematik verkennt, dass wir als leibliche Personen in einer „empirischen Lebenswelt“ leben: Alles, was wir erkennen, wird durch unseren Leib, durch unsere Wahrnehmung, durch unsere Lebenswelt bestimmt. Die Wissenschaft allerdings sieht an dieser „Lebenswelt“ vorbei. Sie nimmt „ideale“ Räume an, die prinzipiell berechenbar sein können. Ein Beispiel: In der Lebenswelt gibt es niemals einen perfekten Kreis. Nur vielleicht einen Baum etc., der als Vorbild dient. Jeder „perfekt Kreis“ ist immer eine Abstraktion eines lebensweltlichen Gegenstandes. Und diese Abstrahierung könnte letztlich zu „Ergebnissen“ führen, die nicht mehr viel mit unserer Realität zu tun haben. Ganz vereinfacht gesagt.

  • Elias, der Erzähler, gibt sich selbstironisch und macht vor allem gegen Ende immer wieder auf die Absurdität und Unplausibilität seiner eigenen Geschichte aufmerksam. So merkt er beispielsweise an, dass „noch die unwahrscheinlichste Möglichkeit immerhin eine Möglichkeit ist“ (S.501). Auch erzählt er manchmal Ereignisse, bei denen er selbst nicht zugegen war, seine Glaubwürdigkeit nimmt im Verlauf des Romans zunehmend ab. Er ist also ein unzuverlässiger Erzähler, der selbst auf seine Unzuverlässigkeit hinweist. Kann menschliches Denken funktionieren, ohne dass retrospektiv Zusammenhänge hergestellt, künstliche Kohärenz geschaffen wird? Welche Bedeutung hat die vraisemblance für die Glaubhaftigkeit von Erzählungen?

Die vraisemblance geht zurück auf die französische Klassik. Dort galt es als Norm, nicht gegen sie zu verstoßen. Also wenn Dinge wirklich passiert sind, aber unwahrscheinlich klingen, so sind sie nicht auf die Bühne zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit sticht die Wahrheit. Nun ist es aber meine Erfahrung und die vieler Menschen, dass in der Wirklichkeit Dinge geschehen, die einem keiner glaubt, weil sie so vollkommen unwahrscheinlich klingen.

Künstliche Kohärenz muss es in meinen Augen für das menschliche Denken nicht zwingend geben. Ich selber habe oft Gedächtnislücken. Weiß nicht mehr, was wann genau geschah. Das Vergessenkönnen ist auch eine Kunst und enorm wichtig. Es gibt allerdings eine künstliche Kohärenz von einer Erzählung, die man gemeinhin „Ich“ oder auch „Selbst“ nennt. Ein strategisches Selbst, das einem das Gefühl gibt, jeden Morgen derselbe zu sein.

Zu Elias: Ereignisse, bei denen Elias selber nicht zugegen war, versucht er mitunter so zu erklären, dass er vor seiner Reise so viele Bücher über die Zeit las, in die er reiste. Und dass er (als Quadrupelhirn) Gedanken hören kann, befähigt ihn dazu, in die Figuren der Geschichte hineinzuhören. Ich denke, Elias Zimmermann ist der Schlüssel zum Buch. Er ist die ganze Zeit über gleich glaubwürdig/unglaubwürdig. Denn wer wollte glauben, dass man per Kalladabs-Oboren-Reise als reines Bewusstsein durch die Zeit fliegen kann? Und so fängt der Roman ja an. Das heißt: Elias Zimmermann ist für mich ein zuverlässiger Erzähler von irrwitzigen Geschehnissen.

  • Elias blickt, aus einer anderen Zeit gereist, mit einem „fremdem Blick“ auf die Barbaren. Das erlaubt Ihnen als „barbarischer Autor“, auf sich selbst Bezug zu nehmen: „Ach, leckt mich doch am Wikipedi-Arsch, manchmal vergess ich, wo ich herkomme, ich hasse die notorische Beschreibungsmanie der barbarischen Autoren“ (S.191). Sind detaillierte Beschreibungen und scheinbar wissenschaftliche Quellennachweise für Gegenwartsautoren symptomatisch? Inwiefern greifen sie dabei auf immerselbe Quellen zurück und tradieren ein kulturelles Gedächtnis, was damit wenig Veränderung erfährt? Macht Elias ein Stück weit dasselbe, wenn er in der Bibliothek auf Übersichtswerke zurückgreift, die möglicherweise eine einseitige Darstellung der Barbaren beinhalten?

Detaillierte Beschreibungen sind in der Tat heute immer noch in vielen Romanen Mode. Mich ermüdet das zutiefst. Aber das war schon immer so. Ich glaube, es war Thomas Bernhard, der mal sinngemäß sagte: Die Autoren heute brauchen zig Seiten, um jemanden vom Schreibtisch aufstehen und zur Tür gehen zu lassen. Und Peter Handke geißelte einmal mit einem Zwischenruf in der Gruppe 47 den vorgelesenen Beitrag als „läppische Beschreibungsliteratur“. Ich mag das auch nicht. Vor allen Dingen dann nicht, wenn die Beschreibung entweder um ihrer selbst willen geschieht, also um sich am schönen Worte zu ergötzen, wenn man also merkt: O, hier will der Autor aber mal so richtig poetisch werden. Und dann gibt’s auch rasch das Feuilletonfleißkärtchen: „poetische Sprache“, eine vollkommen sinnlose „Kategorie“, denn „poetische Sprache“ ist eine leere Worthülse, man kann darunter alles Mögliche verstehen, sogar zwei völlig gegenteilige Stilrichtungen können mit diesem leeren Etikett versehen werden.

Scheinbar wissenschaftliche Quellenverweise sind dagegen eher in der Postmoderne zu Hause, würde ich sagen.

Der Rückgriff auf immer dieselben Quellen ist ein guter Hinweis. Auch bei mir gibt’s ja eine Menge Verweise auf die großen Klassiker: Sterne, Dostojewski, Goethe, Melville etc. Um aber nicht nur in diesem schon hundertmal verquirlten Kulturschlick zu stochern, versuche ich ihnen eben auch das Neue zur Seite zu stellen. In der Kunst Pulp Fiction oder Jonathan Lethem oder aber eben auch den wirklich lebenden „Helden“ Matthias Schamp. Daneben dann aber auch Zitate aus unserer Alltagskultur, Heidi Klum, Werbesprüche von Red Bull und Coca Cola etc. Und wenn Red Bull neben Goethe steht, André Breton neben Heidi Klum, das ist das, was mich interessiert, was ich spannend und bewusstseinserweiternd finde.


3. Satire

  • „Ha! ha! ha! hem! clear my throat! – I´ve been thinking over it ever since, and that ha, ha´s the final consequence. Why so? Because a laugh´s the wisest, easiest answer to all that´s queer.“ (S.499) Im zweiten Weltuntergangsszenario erscheint dieses Zitat aus Moby Dick, ein Wesen im Raumschiff lacht sämtliche Menschen aus, von ihnen wiederum erkennt sich jeder Einzelne im Raumschiffwesen wieder. Ist das Lachen über uns selbst die weiseste Antwort auf sämtliche Ungereimtheiten? Inwiefern ist „Alpha und Omega“ eine Form der scherzenden Satire im Sinne Horaz´?

Ich finde – nicht nur – aber gerade auch diese Stelle aus Melvilles großem Roman überaus grandios und erhellend. Denn da steckt so viel drin: Es wurde „seit jeher“ darüber nachgedacht. Melville greift hier die allergrößte Frage auf: die Frage nach dem Sinn von Sein. Die nach der „final consequence“, nach der Antwort auf alles. Und das ist für ihn: Gelächter. Mehr noch, es ist die einfachste und weiseste Antwort zugleich. Warum? Die einfachste, weil man die Absurdität einfach weglachen kann, weil man sozusagen eskapistisch nur noch den Kopf schüttelt und sich in diesem Lachen verlieren kann. Das ist gesellschaftlich gesehen unproduktiv, aber der Absurdität kann das Individuum nur mit Gelächter, nur mit Humor den Zahn ziehen, wenn überhaupt. Die weiseste Antwort aber, weil nur in dem Lachen über sich selbst ein gewandelter Blick auf den anderen und die Welt erfolgen kann. Nur wenn ich zu meinem eigenen Leben eine Selbstironie, eine Selbstdistanz, einen Abstand gewinne, nur wenn ich über meine Überzeugungen auch lachen kann, bin ich gefeit vor Fundamentalismus aller Art. Fundamentalismus, ob in den Religionen oder eben auch in der Wissenschaft, ist vollkommen selbstironiefrei. Und aus dem Fundamentalismus im Denken und Glauben rühren fast alle unsere heutigen Probleme. Von daher ist mein Buch auch der Versuch, verschiedenste gesellschaftliche Bereiche in ihrer Groteskheit zu entlarven. Auch natürlich das Schreiben oder die Kunst. Dies zum einen durch die Figur des Schamp, zum zweiten durch das Rindenschnitzen, durch welches das Schreiben persifliert wird, vor allem aber durch die Parodie der Erzählhaltung eines sogenannten „allwissenden Ich-Erzählers“, hier in der Figur des Elias Zimmermann.

  • Da eine Satire durch indirektes Sprechen gekennzeichnet ist, muss ihr eine wie auch immer geartete Norm zugrunde liegen, damit sie verstanden werden kann. Eine mögliche positive Norm könnte in den neuen Zehn Geboten und der Rücktrittsrede des Papstes liegen, aber auch sie wird an verschiedenen Stellen ironisch gebrochen. Liegt Ihrem Roman eine satirische Norm zugrunde und wie ist diese geartet? Wäre eine Norm für das zeitgenössische Schreiben überhaupt noch angemessen?

Der Satire muss keine Norm zu Grunde liegen. Sie muss auch nicht durch indirektes Sprechen gekennzeichnet werden. Die Satire braucht auch nichts „Positives“, wie Kästner sagte. Die Satire kann auch, wie ich einmal gelesen habe, auf eine „vollständige Vernichtung des in den satirischen Blick genommenen Objekts“ zielen.  Das passt hier auch inhaltlich zum Weltuntergang des Romans. War es in dem Roman „Lehrerzimmer“ noch „bloß“ das System Schule, so wird hier – stellvertretend durch einige ausgewählte gesellschaftliche Bereiche (Philosophie, Religion, Esoterik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst) – die Gesellschaft im Ganzen, unser heutiger „Barbarismus“ in all seinen absurden Wucherungen vernichtet. Zumindest ironisch zersägt.

Wichtig dabei ist: Natürlich gibt es bei allem immer eine zweite Seite. Natürlich gibt es in der wirklichen Schule idealistische und tolle Lehrer; natürlich gibt es in unserer wirklichen Welt idealistische Greenpeace-Aktivisten, die jetzt im Knast sitzen, weil sie für den Erhalt unserer Erde kämpfen. Weil ich vor diesen Menschen einen ungeheuren Respekt, eine große Hochachtung habe – denn in mir selber fühle ich nicht die Kraft, die diese Menschen haben müssen –, klammere ich sie auch bewusst aus meinem Roman aus. Das ist eine andere Ebene. Mein Blick richtet sich lediglich auf die wahnsinnigen Auswüchse dessen, was ich sehe.

Es gibt von daher keine Norm, sondern inhaltlich nur den Wunsch, Normen stets und ständig zu hinterfragen. Und Regeln für ein literarisches Werk? Es ist nicht so, dass es keine Regeln gäbe im Sinne von literaturwissenschaftlichen Grundlagen. Aber ein literarisches Werk entsteht für mich auch durch das bewusste, gekonnte, gewollte Durchbrechen von „Regeln“. Doch nur wenn man die Regeln kennt und beherrscht, kann man sie auch in dieser Weise durchbrechen. In einer Schreibwerkstatt hörte ich den Text einer Teilnehmerin, die ein großes Wabern in der Perspektivführung hatte. So entstand ein perspektivisches Kauderwelsch, das den Leser völlig verwirrt zurückließ. Dies war aber so nicht gewollt, sondern ist ihr einfach passiert. Demgegenüber ändert ein Philip Roth seine Perspektive dreimal im Satz (in „Sabbaths Theater“); und in „Der menschliche Makel“ führt Roth den Leser von einer peripheren Ich-Erzählung über eine (vom Ich-Erzähler) imaginierte personale Erzählung aus den Augen einer anderen Figur zur erlebten Rede dieser Figur bis hin zu einem Inneren Monolog derselben (wo ein „Ich“ fällt), aber der Leser geht all diese Wechsel gebannt mit, weil Roth es einfach kann, weil Roth die Regeln kennt und sie bewusst und gekonnt aufbricht. 

  • „Loch ist Loch“ (S.210) heißt es, als Kolja und der schwule Buddha Tashi übereinander herfallen. An einer anderen Stelle folgt nach der Beschreibung von Omegas Karriere bei Germanys Next Topmodel ein André Breton-Zitat (S.179). Banalitäten und Hochgeistiges stehen in „Alpha und Omega“ häufig nebeneinander, was an die Gernhardtsche Fallhöhe erinnert. Inwiefern ist im Hochgeistigen schon Banalität angelegt?

Ich wollte unbedingt diese Fallhöhe. Wollte unbedingt den tiefstmöglichen existenziellen Schmerz (Koljas Tod) neben dem flachstmöglichen „literarischen“ Mittel, dem Kalauer, ein Mittel, das zu Unrecht aus der Literatur verbannt wurde. Zum einen ist eine Trennung in „hochgeistig“ und „banal“ eine künstliche. Ihr liegt ein elitäres Denken zu Grunde. Dass wir, die „Kunstkonsumenten“ und Intellektuellen, einen größeren Zugang zum Eigentlichen hätten. Was für ein Quatsch. „Können mir deine Bücher sagen, was der Tod ist?“, fragt Alexis Zorbas im gleichnamigen Roman den Schriftsteller-Erzähler. „Nein? Dann spucke ich auf deine Bücher.“ Letztlich trägt der sogenannte Intellektuelle nur die schickeren Wort-Kleider. Was Sache ist, weiß er genauso wenig wie der in scheinbaren Banalitäten verstrickte Alltagsmensch. Alles Hochgeistige ist immer eine irgendwie geartete Verarbeitung der banalsten aller Tatsachen: Wir wissen nichts, außer, dass wir sterben werden.


4. Popliteratur

  • In „Alpha und Omega“ finden sich viele Merkmale des Genres „Popliteratur“ wieder. So gibt es zahlreiche Anspielungen auf Bücher, Filme, youtube-Videos, TV-Serien, überhaupt auf die mediale Wirklichkeit, und auch der alltagssprachliche Stil spricht für diese Einordnung. Wo würden Sie „Alpha und Omega“ einordnen?

Nirgends. Ich versuche ja gerade, eine Einordnung zu sprengen. Das macht es dem Buchhändler schwer. Steht es unter Science Fiction? Nein. Nur am Anfang und am Ende gibt es diesen Zukunftsbezug. Ist es ein Historischer Roman? In gewissem Sinne ja, denn der Erzähler aus dem Jahr 2525 erzählt ja über eine (aus seiner Sicht) weit zurückliegende Vergangenheit, nämlich unsere Zeit. Ist es eine Parodie? Ja, aber nicht nur. Es gibt viele ernste Stellen in dem Buch, die neben dem Parodistischen stehen. Ist es in Alltagssprache geschrieben? Absolut nicht immer! Es gibt sehr viele Stellen, an denen es eher zu barocken Ausschweifungen und Wortneuschöpfungen kommt. Ist es ein Werk der reinen Unterhaltungsliteratur? Dem widersprechen die zahllosen überaus verschachtelten Sätze, die mir jeder Droemer/Knaur-Lektor um die Ohren gehauen hätte. Ist es ein intellektuelles Buch? Natürlich, durch die vielen Verweise und die Meta-Ebene, aber der sogenannte intellektuelle Leser zuckt bei der Flut der Kalauer und der immer wieder aufblitzenden Alltagssprache zusammen. Es gibt Abenteuerroman-Elemente, es gibt Filmisches, es gibt Familienromanelemente, es gibt das Fantastische, es gibt den hanebüchenen Zufall als Gestaltungsprinzip, das Buch ist also alles und nichts, Alpha & Omega eben.

  • Häufig vermischt sich die Wirklichkeit der Welt im Roman mit der medialen: Nach ihrem Absturz befinden sich Bitch und Kolja „auf einem Eiland (wie in Cast Away)“ (S.230) und James Cameron scheint als Regisseur in Untergangsszenarien allgegenwärtig, wobei er seinen eigenen Film „Terminator 2“ zitiert. Ist ein Denken außerhalb der medial erzeugten Wirklichkeit überhaupt möglich? Inwiefern ist die Realität ein Konstrukt unserer Kultur?

Natürlich beeinflussen uns die medialen Erzeugnisse enorm. Man schaut in den Himmel und denkt: Mensch, genauso blau wie auf meinem Desktophintergrund. Ein fünfjähriges Kind versucht, ein im Foto-Album eingeklebtes uraltes Foto mit Daumen und Zeigefinger wischend zu vergrößern. Unsere Kultur beeinflusst das Denken und Fühlen enorm. Was ist eigentlich Liebe? Was ist eine Seele? Was ist die Zeit? Wir benutzen die Wörter inflationär, tun so, als wüssten wir Bescheid, aber wenn wir die Wörter definieren müssten, täten wir uns schwer. Doch ich denke, der Mensch hat den Film erfunden, weil er träumen kann. Schon ehe es den Film als Medium gab, träumten Menschen – und zwar filmisch. Insofern sind unsere medialen Erzeugnisse, auch die Bücher, immer noch schöpferisches Ergebnis des Menschen. Und insofern denke ich, dass es eine Realität ohne Kulturkonstrukt gibt.

  • Auch literarische Fiktionen haben großen Einfluss auf die Romanhandlung. Sabrina Steward folgt der Physikerin aus „Als sie über den Tisch kletterte“, wenn sie ins Schwarze Loch springt, und Buzz Monster, der für den drohenden Weltuntergang verantwortlich ist, begründet seine Motivation unter anderem mit dem Scheitern der Idee, die in Dostojewskis „Jüngling“ vorgeführt wird. Haben Fiktionen Einfluss auf die Realität und hat der Schamp Unrecht, wenn er „im Grunde genommen nicht wirklich daran glaubte, dass Kunst […] in die Welt einzugreifen in der Lage wäre“? (S.404) Inwiefern unterscheiden sich solcherart Fiktionen und ihr Veränderungspotential von den Ideen der Physiker?

Der Einfluss von literarischen Fiktionen oder künstlerische Gestaltung auf die Realität ist äußerst gering. Nimmt man das Buch, so befüllt der Schamp irgendwann Buhruftüten mit Buhrufen und schleudert die „Buhs“ dem Schwarzen Loch entgegen. (Im Übrigen sind die Buhruftüten eine wirkliche Erfindung des echten und lebenden Performance-Künstlers Matthias Schamp). Was passiert? Das Loch hört auf zu wachsen. Die Menschen sind begeistert. Die Rettung liegt also in der Kunst? In der Performance? Weit gefehlt, denn kaum hört die Kunst auf, weil der Schamp nicht mehr buhen kann, wächst das Loch weiter. Sehen Sie, wenn überhaupt, dann kann die Kunst allenfalls dafür sorgen, dass der Mensch und „Kunstkonsument“ einen Moment, einen Augenblick von seinem Leben zurücktritt und in gewandelter Art und Weise auf es schaut, erstaunt, überrascht, angesprochen, berührt, erheitert oder sonstwie. Doch alsbald hat ihn die Wirklichkeit wieder in den Klauen, es geht alles weiter, verschluckt vom Schwarzen Loch des Alltags.

Wenn demgegenüber ein Physiker aus den Theorien einen praktischen Gewinn zieht, so wird der Mensch und die Welt weitaus tiefgreifender verändert. Nehmen Sie die Spaltung von angereichertem Uran: So etwas hat die Welt verändert. In diesem Fall zum Schlechten. In vielen anderen Fällen aber sicher auch zum Guten.

  • Zusammenfassend kann man sagen, dass in Ihrem Roman verschiedenste Arten der Weltzugänge aufgerufen werden: Literarische und filmische Fiktionen, Naturwissenschaft (hier vor allem die Physik), Religion und Esoterik. In welchem Verhältnis stehen diese zur Wirklichkeit und zueinander?

Sie alle versuchen, Fragen an die Wirklichkeit zu stellen, ggf. diese auch zu beantworten. Die Literatur, der Film, die Kunst stellt Fragen, kann und will diese aber nicht beantworten, es geht allenfalls um ein Aufwühlen, ein Den-Menschen-auf-sich-selbst-zurückstoßen. Religion und Esoterik beantworten die Fragen, man muss aber daran glauben bzw. eine solche Glaubenserfahrung machen. Die Wissenschaft stellt die genauesten Fragen und versucht, zumindest vorläufige Antworten zu finden, die gelten, bis eine genauere Frage oder Antwort möglich ist. Sie alle kreisen aber im Grunde um ein und dasselbe: Um die Frage, was das hier alles soll! Mit dem Bewusstsein, dem Menschen, der Erde, der Welt, dem Universum, mit unseren Trieben und mit unserem Willen, mit unserem Verstand und unseren Gefühlen, mit der ungefragten Geburt und dem unausweichlichen Ende. Darum kreisen allesamt: Um den Anfang und um das Ende. Und das wollte ich u.a. auch in meinem Roman darstellen, jedenfalls in überspitzt grotesker Form. Dass wir alle fragen und/oder antworten, in völlig unterschiedlicher Weise, aber alle dasselbe, immer und immer wieder. Und dass es im Grunde genommen nur darum geht, die Unmöglichkeit einer wie auch immer gearteten Antwort irgendwie auszuhalten. Im besten Fall mit Humor und Selbstironie. Mit dem heiteren Kopfschütteln über das wilde Absurdistan, in dem wir alle leben.