Markus Orths

Markus Orths

Zu Max Sessners Gedichtband: Küchen und Züge

Das Wort „packend“ scheint re­serviert zu sein für Romane, für Erzählungen, für Prosa mit Handlung, Span­nung, Dramaturgie und Geschichte. Wer könnte je zu einem Ge­dichtband sagen: Ein packendes Buch? Hier ist es so. Max Sessners Buch packt, es packt zu, vom ersten Augenblick an. Und lässt nicht mehr los. „Küchen und Züge“ ist eins dieser wenigen Bücher: Das man immer wieder le­sen will. Das man immer wieder lesen wird.

Sind das überhaupt Gedichte? Oder vielleicht Prosa­miniaturen? Für den Autor selbst ist die Antwort klar: Gedichte, sagt er. Und seine Gedichte öffnen auf wenigen Zeilen eine eigene Welt. Es ist eine melancholische Welt, die alles mit einem leichten Schleier bedeckt, es sind Szenen, Momentaufnahmen, Blicke, Gesten, Situ­ationen, Stimmungen, aber dahinter lauern existenzielle Risse oder Ab­gründe, dahinter steht die Frage nach dem Sinn von allem und eine Verzweiflung über die Dinge des Lebens, die wir nur schwer hinneh­men können: Auf die Fragen der Tanten nach dem, was er einmal werden wolle, lautet die Antwort eines Kindes: „...der Geist sag ich eines / Jun­gen der voriges Jahr beim Schwimmen ertrank / sein Fahrrad stand noch im Winter / vorm Freibad...“

Max Sessners Gedichte sind geprägt von einer eigenen, unver­wech­selbaren Stimme. Ein präzises Gefühl für Rhtyhmus lässt ihn den Pro­safluss seiner Sprechgesänge oft an unerwarteten Stellen unterbre­chen. Ein wiegender, tragender Sound lullt den Leser ein, Musik ist das, es klingt wie Beschwörungsformeln, die einen ins Buch hineinsaugen und nicht mehr loslassen. Sessner erschafft grandiose Bilder, die man nicht vergessen kann: Da sitzt jemand zum Beispiel in einem Mee­ting, in der sich die Gespräche über Bilanzen und Geschäftser­folge drehen, er blickt hoch zum Him­mel und kann plötzlich in den Flug­zeugen die Gesichter der Men­schen erkennen, „das kleinste scheint zu schweben / es ist das Gesicht eines Jungen / der einge­schlafen ist auf seinen / Knien schaukelt eine kleine / Giraffe aus Stoff sie ist hellwach / den Schlaf des Jungen für immer / verlas­send blickt sie zu mir hinunter / und ich schaue zu ihr hoch.“ In wenigen Zeilen überspringt Sessner Zeit, Raum, ein gesamtes Le­ben; in einem einzigen kleinen Blick fängt er die lange verlorene Kindheit ein, knüpft Sehnsucht und Trauer an die kalte Bissigkeit der ‚erwachsenen’ Gegenwart.

Oft steht Sessner auf der Seite derer, die scheinbar verloren ha­ben, auf der Seite der Kleinen, der Verachteten, der Traurigen, der Unglücklichen. Und immer wieder überrascht er uns durch Skurri­litäten, durch magischen Realismus, wenn zum Beispiel aus Bluts­tropfen „kleine verschlagene Männ­chen“ werden, oder wenn Kü­chen an Bahndämmen entlang treiben, oder wenn man mit einem Beinlosen die Geräusch der Beine hört, die im Schlaf um ihn he­rum­laufen. Und nicht zuletzt bordet das Buch über vor herausra­genden, fast aphoristischen Sätzen, die einem immer wieder die Luft nehmen. „Das wären schöne letzte Worte gewesen aber was soll man sagen man lebt“ oder „so vergeht mir die Zeit“ oder „von überallher tragen sie jetzt den Abend zusammen“ oder „Ich bin das kann man sagen ein Hund der mir zugelau­fen ist“ oder „Der Tod probiert schon mal meine Kleider an“.

Und dabei kommen die Gedichte so federleicht daher, so, als hätte der Autor sie mal eben kurz hingeworfen, mit einer atembe­raubenden Mühelosigkeit. Da ist nichts Angestrengtes zu erken­nen, da wirkt kein Wort irgendwie aufs Papier gezwungen, da sieht man nie den Schweiß des Schreibenden. Und genau das ist die höchste Kunst. Denn gerade wenn ein Buch die Aura der Mühe­loigkeit ausstrahlt, ist es oft so, dass der Autor lange daran gear­beitet hat. Tatsächlich hat Max Sessner Jahre an diesem Band ge­schrieben und gefeilt, hat sich nicht zu schnell zufrieden gegeben, hat eine minutiöse Auswahl getroffen und herausgekommen ist ein Buch, das für Furore sorgen wird, früher oder später, am liebsten so früh wie möglich, denn es ist nicht nur ein Buch für Lyrikfreaks, nicht nur ein Buch für alle, die Literatur lieben, son­dern ein Buch für jeden Menschen, weil es verständlich, poetisch, bildreich und ergreifend an die existenziellen Fragen rührt, die jeden Menschen von jeher um­treiben. Viele Bücher kommen und gehen diese Tage, „Küchen und Züge“ wird bleiben.

Max Sessner
Küchen und Züge
Droschl 2005
96 Seiten