Markus Orths

Markus Orths

Man kann nichts tun

Laudatio zum Thaddäus-Troll-Preis für Lisa-Marie Dickreiters
Vom Atmen unter Wasser
, gehalten am 8.12.2011 in Stuttgart
 

Einleitung

„Man kann nichts tun. Nichts, außer da zu sein und abzuwarten. Also ist man da und wartet ab.“

Eine Tochter wird ermordet. Sarah Bergmann. Eine Familie bleibt zurück. Jo, Simon, Anne. Jeder für sich. Im Bemühen, mit einer Situation zurecht zu kommen, mit der man nicht zurecht kommen kann.

Entfremdung. Entfremdung jedes einzelnen von sich selbst. Entfremdung jedes einzelnen von den übrigen, den übrig gebliebenen Familienmitgliedern. Entfremdung vom Leben. So zu tun, als sei nichts geschehen, ist nicht möglich. Sich in der Trauer einzugraben, ist nicht möglich. Sich umzubringen, ist nicht möglich. Ins Leben zu flüchten, ist nicht möglich. Die Zeit ist weit davon entfernt, die Wunde zu heilen. Ein Jahr ist vergangen seit dem Mord an Sarah, und noch immer ist alles präsent.

Jedes der drei Familienmitglieder – Vater Jo, Sohn Simon, Mutter Anne – verarbeitet das Geschehene auf seine eigene Weise. Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen der Figuren überschrieben, denen die Autorin über die Schulter und in die Köpfe schaut. (Keine dreifache Ich-Erzählung, sondern eine dreifache personale Erzählsituation. Die Perspektive ist streng durchgehalten. Die Reflektorfiguren nehmen die Ereignisse aus ihrer Sicht wahr und auf, kamera-artig zoomen sie heran und wieder weg.) Der Leser sieht, lebt, fühlt mit den Hauptfiguren, ab und an schaut er auch in ihre Köpfe, in ihr Denken und Kommentieren und in ihr Erinnern an das, was geschehen ist, an das, was Sarah gesagt oder getan hat. Das alles wunderbar ungefiltert. Es fehlen zum Glück die üblichen sogenannten Inquit-Formeln „dachte er“, „ging ihm durch den Kopf“, „sagte sie sich“ oder Ähnliches; bei einer Gedankenwiedergabe taucht nur das Ich des Denkenden auf und man ist sofort und unmit­telbar im Kopf desjenigen, in dessen Kopf man sein soll.

Anne, die Mutter, kommt scheinbar am wenigsten mit dem Verlust klar. Sie klammert sich an die Vergangenheit, an die Erinnerung, sie schläft im Zimmer ihrer ermordeten Tochter, sie zieht deren Schuhe beim Joggen an, sie hat ein Jahr lang die zurückgebliebene Wäsche ihrer Tochter nicht gewaschen, um den Geruch nicht aus der Nase zu verlieren. Egal, was sie tut, sie schafft es nicht, loszulassen, sie will es auch nicht, weil, wenn sie ihre Tochter loslässt, das spürt sie, muss sie auch sich selber loslassen, was letztlich zu einem Selbstmordversuch führt.

Der Vater Jo ist ein Papamobil im wahrsten Sinne des Wortes, denn so wird er eingeführt, auf dem Display des Handys seines Sohns, den er anruft: „Papa mobil“ steht dort. Und in solchen Kleinigkeiten deutet sich schon die große Geschicklichkeit der Autorin an, in winzigen Details Vorausblicke zu geben auf Charaktere, denn der Vater ist tatsächlich einer, der statt sich in Erinnerungen oder in sich selbst zu begraben, ständig in Bewegung ist und versucht, den Tod seiner Tochter durch Veränderung, durch Neues, durch Aktion zu verarbeiten. Das Leben geht weiter, die Müllabfuhr holt weiterhin den Müll ab, lautet sein Credo. Und da seine Frau ihm als jemand erscheint, die stehen geblieben ist wie eine Uhr, vor einem Jahr, und da es ihn selber vorwärtsdrängt, nur weg von dem, was geschehen ist, nur nicht zurückblicken, hat der Vater eine Affäre begonnen, der Geliebten aber seine Familie verschwiegen. Darüber hinaus stürzt er sich in seine Arbeit als Bewährungshelfer, weil ihm selber jemand fehlt, der ihm hilft bei der größten Bewährungsprobe seines Lebens. Er flüchtet sich in das „Man“ des Funktionierens. Er versucht, nicht mehr sich selber zu sehen. Weil es zu sehr schmerzt.

Simon scheint noch am ehesten mit der Situation zu­recht zu kommen, er wird vom Vater gebeten, wieder zu Hause einzuziehen, damit die Mutter nicht allein ist und noch einmal versuchen könnte, sich das Leben zu nehmen. Simon studiert. Und er versucht über die Nähe zu Menschen, die für Sarah, seine Schwester, wichtig waren, dem Tod und dem Feh­len der Schwester in einer bestimmten Weise die Stirn zu bie­ten. Vor allem die beste Freundin Sarahs, erregt sein Interesse. Die taucht auf, weil sie eine Halskette zurück haben will, die sie Sarah vor über einem Jahr geliehen hat. Und diese Kette ist vielleicht sogar mit Sarah beerdigt worden.

„Man kann nichts tun. Nichts, außer da zu sein und abzuwarten. Also ist man da und wartet ab.“

Über dem gesamten Roman liegt eine Glocke, eine alles erstickende Glocke der Beklemmung, eine Glocke der einfach nicht aufhören wollenden Trauer und Verzweiflung, ein lähmendes Entsetzen, das den Figuren und dem Leser beim Lesen die Luft abschnürt. Jenseits einer Betrachtung all der spannenden inhaltlichen Ent­wicklungen war für mich die wichtigste Frage: Wie erschafft Lisa-Marie Dickreiter in ih­rem Debut-Roman diese Atmosphäre der Beklemmung? Ich möchte in fünf Punkten antworten:

1. Die Zeit
2. Der Rhythmus und der Stil

3. Die Sprache
4. Die kleinen Dinge
5. Die Recherche und das Interesse an den Menschen


1. Die Zeit

In erster Linie entsteht die angesprochene Beklemmung und Verzweiflung durch die Zeit, in der das, was geschieht, erzählt wird. Der gesamte Roman steht im Präsens, in der Gegenwart. Diese Gegenwart ist eine alles überströmende Gegenwart des Verlusts, des Fehlens. Es ist die Gegenwart der ermordeten Tochter und Schwester selbst, die durch nichts aus den Köpfen und aus den Herzen der drei Familienmitglieder zu bannen ist. Eine sich endlos abspulende Gegenwarts-Zähe. Das alles könnte ewig so weitergehen, erst ein Jahr ist verstrichen, man ahnt, dass noch viele weitere Jahre in dieser elenden Gegenwarts-Zähe verstreichen können und werden, vielleicht sogar das ganze Leben.

Die Autorin führt den Leser im besten Sinn an die Grenzen des Aushaltbaren. Sie zeigt die gegenwärtige Verzweiflung über den Tod Sarahs und die Angst und das Erschrecken über ein Leben ohne sie. Sarah fehlt. Sie fehlt nicht einfach so, sie fehlt überall, existenziell. Sie fehlt wie die Luft zum Atmen.

Aber trotzdem muss man weiterleben. Aber trotzdem geht die Sonne jeden Morgen auf und jeden Abend unter. Aber trotzdem kommt immer wieder die Müllabfuhr. Es ist wie das Atmen ohne Luft. Das Atmen unter Wasser. Die Familie atmet seit einem Jahr unter Wasser. Es geht sogar. Die Luft ist dick und schwarz und kalt. Man muss sie trinken. Man kann sie trinkend atmen und überleben, aber sie schmerzt, die Luft, mit jedem Zug. Das Buch heißt: Vom Atmen unter Wasser. Der Titel hätte nicht besser gewählt werden können. Das „Vom“ im Titel „Vom Atmen unter Wasser“ ist ein Wort, das den Raum des Romans ins Allgemeine hin öffnet. In „Vom Atmen unter Wasser“ ist in allererster Linie gar nicht so wichtig, was genau da erzählt wird (also was die drei im Einzelnen inhaltlich tun, um mit dem Schicksalsschlag fertig werden), sondern viel mehr noch die Art und Weise, in welcher erzählt wird. Es geht hier also nicht zuallererst um etwas Einzelnes, sondern um das Verbindende, um das, was den Verlust der drei mit den Verlusten aller Men­schen verbindet, denen Ähnliches widerfahren ist. Das Indivi­duelle ist hier ein Beispiel für das Allgemeine. Wie in jedem herausra­genden Roman.


2. Der Rhythmus und der Stil

Betrachtet man den Duktus des Romans, ist es geradezu bestechend, mit welchem Durchhaltevermögen die Autorin es schafft, den gesamten Text in einem ganz und gar atemlosen, ja, manchmal zerstückelten und zerrissenen Stil zu verfassen. Die Sätze sind geradezu besessen kurz gehalten. Man liest das Buch und schnappt beim Lesen sozusagen selber ständig nach Luft. Über jedes Komma ist man glücklich, weil es eine kurze Lin­derung verschafft. Lisa-Marie Dickreiter gelingt es dadurch auf im doppelten Sinne des Wortes atemberaubende Weise, dem Gefühl der Trauer nachzuspüren.

a) Dem Gefühl der Abgerissenheit. Etwas ist abgerissen worden. Entzweigerissen. Durchgerissen. Etwas wurde vom Blatt der eigenen Existenz gerissen, das sich nie wieder zurückfügen lässt. Einmal abgerissen, immer abgerissen.

b) Dem Gefühl der Zerrissenheit. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Endlos hin- und hergerissen. Einerseits das Nicht-Loslassen-Können, andererseits das Weiter-Leben-Wol­len oder –Müssen. Einerseits das krampfhafte Festkleben am Verlorenen und die Angst davor, schuldig zu werden, wenn man es endlich loslässt, andererseits die Sehnsucht danach, ge­nau dies zu schaffen: loszulassen.

Die Gefühle abgrundtiefer Abgerissenheit und Zerrissenheit spiegeln sich in der Fetzenhaftigkeit der Sätze. Die Autorin ändert diesen Stil keine Sekunde lang. Sie lässt den Leser nicht aus dem Schwitzkasten. Sie macht es ihm ganz und gar nicht leicht. Sie führt ihn in die Enge und versperrt den Ausgang.

„Dann eins nach dem anderen. Abzählen und berühren.
Die Finger, die keine Fingerchen mehr sind.
Die Nase, die kein Näschen mehr ist.
Die Ohrmuscheln.
Die Wangen.
Die Lippen.
Die Kuhlen unterhalb des Schlüsselbeins.
...
Jeden einzelnen Leberfleck.
Abzählen und berühren.“

Sicher – jeder Mensch trauert und verarbeitet anders. Die unterschiedliche Bewältigung des Verlusts zeigt die Autorin auf der Inhalts-Ebene. In dem, was jeder der drei tut und sieht, zeigen sich elementaren Unter­schiede. Aber im Stil und im Rhythmus wird schonungslos das Gemeinsame aufge­zeigt, das Verbin­dende. Das ist das Stockende, das Atemnotar­tige, das sind die Fetzen-Sätze, die wie Luftblasen aus dem Wasser an die Ober­fläche quellen. Das ist die Zerrissenheit der Existenz angesichts der ewig gegenwärtigen Trauer.


3. Die Sprache

Was ist die Sprache der Trauer? Wie schreibt man über Trauernde, wenn man sie wirklich ernst nehmen will? Lisa-Marie Dickreiter zeigt es uns eindrücklich: Indem man sich als Autor oder Autorin völlig zurücknimmt. Indem man verzichtet auf künstliche Poetismen, Wortschöpfungen und Wortakrobatik. Indem man die Spra­che also zurücktreten lässt hinter die Figuren. Das ist vielleicht so­gar die größte Leistung des Romans, weil die schwie­rigste. Die Einfachheit, die brillante Klarheit, die Schnörkellosigkeit der Spra­che.

„Sie steht auf. Dreht sich zu den Spiegeln um, die vom Wasserdampf beschlagen sind. Drei Fenster, die nichts als Nebel zeigen.
Mama, ich kann den Hasenstall nicht mehr sehn. Berührn jetzt die Wolken den Boden?
Sie sucht sich den Spiegel in der Mitte aus. Reibt mit den Ärmeln über das Glas, dass es quietscht. Helle Wollfussel bleiben kleben.
Sie steht still.
Du schaust aus wie’s Kätzle am Bauch.
Sie hört ihre Großmutter und sieht den Löffel mit dem Lebertran vor sich, den ihr die Großmutterhand in den Mund schiebt.
Aber mit Lebertran ist es hier nicht getan.
Ihr Gesicht blickt ihr in einer Farbe entgegen, wie sie Holzasche auf Schnee hinterlässt. Ein wässriges, durchsichtiges Grauweiß.
Langsam tasten sich ihre Augen über ihr Spiegelbild. Verweilen auf den ausgehöhlten Wangen, den tiefen Falten, die sie nicht kennt, aber nun überall entdeckt. Auf der Stirn, auf den Nasenflügeln, um den Mund herum.“

Und aus dem Boden dieser selbst auferlegten Zurückhaltung erwachsen immer wieder berührende Bilder für die allertiefste innere Not der Figuren, Bilder, die dann umso kräftiger leuchten und im Leser hängen bleiben:

„Alles in ihrem Gesicht scheint nach innen zu fallen, scheint unter diesem wässrigen, durchsichtigen Grauweiß zu zerfließen. Als hätte bei ihr über Nacht die Schneeschmelze eingesetzt, und einen Moment lang verspürt sie wieder das wunderbare Gefühl der Leere, das sich in der Badewanne eingestellt hat. Ein Gefühl, als schwebten ihre Füße über dem Boden. Ein Gefühl, als wäre sie aus handgeschöpftem Papier, porös und durchlässig.
Leer.
Ganz leer sein.
Sie hatte es fast geschafft.“


4. Die kleinen Dinge

Lisa-Marie Dickreiter ist eine Meisterin der Andeutungen, Auslassungen, Leerstellen, sie setzt nicht auf Effekte, sondern auf Wirkung. Die Berührung, die Betroffenheit entsteht beim Leser durch den Raum, den die Autorin ihm lässt. Dafür könnte ich zahllose Beispiele anführen.

Zwei müssen hier genügen.

a) Sarahs Stimme, als kleines Kind, in der Erinnerung und im Kopf der Mutter Anne, offensichtlich nach dem Vorlesen des Märchens der Prinzessin auf der Erbse:

Mama, ich will auch eine Erbs unter meinem Bett.
Matratze, Schatz, die Erbse liegt unter der Matratze.
Gibst du mir eine Erbs?“

Das fehlende kleine e, das fehlende kleine Kind, es wird nichts kommentiert, es wird nichts eingeordnet, einfach so stehen diese drei Erinnerungs-Zeilen dort, vor dem Leser, genauso wie Erinnerungen auftauchen, ohne Kon­text, bedrückend, erstickend in diesem Fall, einfach furchtbar. Und durch diese Unmittelbarkeit, durch diesen Überfall ent­steht die Wirkung der Betroffenheit im Leser, diese Sekunde des Lesens ging mir unglaublich nah, weil all das Wunderbare der Zeit, die man mit Kindern verbringt, all das Lustige, all das Zärtliche in ihnen steckt, verbunden mit dem Fehlen eines Buchstabens, dem kleinen e. Hier schafft die Au­torin die Verbindung von Komischem und Traurigem. Das komische Erbs des Kindes, über das man lächeln würde und über das die Mutter gelächelt hat, wird durch den Verlust und die Erinnerung zu etwas umso Tragischerem.

b) Als die Mutter nach dem Selbstmordversuch beim Therapeuten sitzt, soll alles aufgezeichnet werden, was sie sagt. Wir lesen aus der Sicht Annes:

„Die weißen Zähnchen der Kassette drehen sich unaufhörlich.
Drehen und drehen sich.
Das Band zeichnet Atemgeräusche auf.
Kleiderrascheln.
Das Knistern von Papier.“

In diesen wenigen Zeilen wird alles gesagt, nicht gesagt, sondern gezeigt. In einer Kleinigkeit, dem Kassettenrekorder. Die weißen Zähnchen, Erinnerung an die weißen Zähnchen der Tochter. Die Endlosigkeit des Drehens, die Endlosigkeit des Atmens, die Endlosigkeit der Atemgeräusche. Die Endlosigkeit des Weiterleben-Müssens ohne die Tochter. Dieses Drehen und Drehen. Das Kreisen um sich selbst. Das Nicht-vom-Fleck-Kommen. Die Unfähigkeit, weiterzugehen. Schließ­lich das Schweigen. Das Resignieren. Das Sich-Verweigern. Das „Man kann nichts tun.“

„Man kann nichts tun. Nichts, außer da zu sein und abzuwarten. Also ist man da und wartet ab.“


5. Die Recherche und das Interesse an den Menschen

Was mich sehr beeindruckt, ist Lisa-Marie Dickreiters Interesse am Menschen. Sie geht hinaus zu den Menschen. Das tun Schriftsteller, wenn sie etwas wissen wollen. Jetzt kann man Wissenschaftler fragen, wie funktioniert ein Atomkraftwerk, warten Sie, ich schreibe mit. Oder einen Pathologen, wie sieht eine drei Tage alte Leiche aus, warten Sie, ich schreibe mit. Aber man kann nicht zu einer Mutter, einem Vater gehen und sie oder ihn fra­gen, wie wird man damit fertig, ein Kind verloren zu haben, warten Sie, ich schreibe mit. Nein. Man kann in diesem Fall nur versuchen, Menschen zu begegnen, echt zu begegnen, von Mensch zu Mensch. Die Begegnung, das Interesse an der Existenz des Anderen, auch das Mitgefühl für den Anderen, all das steht im Mittelpunkt.

Dem Roman vorausgegangen sind Gespräche, die mit Sicherheit einen tiefen Eindruck hinterlassen haben auf die Autorin. Und das spürt man im Roman. Das Feingefühl für die erfunde­nen Menschen, die im Roman mit all ihren Fehlern und Schwächen und auch Stärken gezeichnet werden, ist zugleich eine Ehrerbietung für die wirklichen, lebendigen Menschen, denen die Autorin im Laufe ihrer Gespräche begegnet ist.

Große Literatur trifft den Leser in sei­ner Existenz und verunsichert ihn. Diese existenzielle Ebene eines Textes reicht viel weiter und tiefer als jede Bewer­tung und sei sie noch so posi­tiv wie heute Abend hier. „Vom Atmen unter Wasser“ stellt die Fragen nach dem Tod und dem Leben nach dem Tod eines geliebten Menschen, der Ro­man zwingt den Leser dazu, sich auseinanderzusetzen mit sich und seinem Leben. Lisa-Marie Dickreiter zeigt uns den schlimmstmöglichen Ab­grund. Alle alltäglichen Schwierig­keiten unseres Lebens werden zu Nichtigkeiten im Angesicht des Todes, der uns irgendwann erwartet, aber – und das ist vielleicht noch schlimmer – im Angesicht des mögli­chen Todes des eige­nen Kindes. „Vom Atmen unter Wasser“ schont uns nicht, er fordert uns he­raus. Gespräche mit Menschen standen am Beginn des Romans. Und nach Lektüre des Textes können wir als Leser wieder ein neues, gewandeltes Gespräch über unsere Existenz führen, ausgehend vom Text, von den Eindrücken des Textes, von seiner Wucht und Nachhaltigkeit. Das ist das Wichtigste.

Zusammengefasst: Lisa-Marie Dickreiter findet in „Vom Atmen unter Wasser“ eine elementare Sprache der Trauer, atemlos, zerrissen, aus deren schnörkellosen Einfachheit in den einschneidendsten Augenblicken wunderbare Bilder erwachsen, sie schreibt aus einem Feinge­fühl für die Menschen heraus, aus einem tiefen existenziel­len Interesse an den wichtigsten Fragen, aus dem Bedürfnis heraus, den Menschen und Leser in Frage zu stellen und ihm einen neuen Blick auf das Le­ben zu eröff­nen. Viel mehr kann ein Roman nicht leisten. Und wenn man bedenkt, dass es sich um ein De­but handelt, so nimmt es einem selber ein bisschen den Atem.

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