Markus Orths

Markus Orths

Die Musik der Einsamkeit

Nachwort zu Max Sessners Gedichtband: Warum gerade heute. Graz – Wien (Droschl Verlag) 2012.

„Ach dieses Einsamkeitsgeräusch da sind sich alle einig in Worte ist das nur sehr mangelhaft zu fassen“, schreibt Max Sessner und wird dennoch nicht müde, für dieses Geräusch der Einsamkeit immer neue Worte zu suchen, Bilder und Musik im Rhythmus der Zeilen.

Das Geräusch der Einsamkeit ist zugleich Melancholie über das Vergangene und Verzweiflung angesichts des Künftigen. Es ist Trauer über das, was hinter uns liegt, und Hilflosigkeit im Ausblick auf das, was unausweichlich kommt, der eigene Tod. „So stelle ich mir das Jenseits vor mein altes Kinderzimmer“: Vergangenes und Künftiges sind untrennbar verknüpft. Die Frage: Wer „füttert diesen Raum mit Zeit“ muss auf immer unbeantwortet bleiben, weil Zeit sich nicht halten lässt. Sie ist bereits zerronnen, zerrinnt gerade oder wird zerrinnen, sie ist „der Abstand zwischen den Wörtern“, „das Niegesagte“, „und am Ende ist wieder alles so wie es nie war“.

Zugleich versuchen Sessners Gedichte, diese Einsamkeit zu bannen, im Hier und Jetzt: bei den Dingen, Wörtern, Menschen und Außenseitern, die man mag, mit liebevollem oder ernüchtertem oder verwundertem Blick auf das Leben. „Am Ende sind wir was wir sehen“, heißt es. Der Blick ist das Erste, in der eigenen Brille spiegelt sich die Welt, die dann in Sprache gefasst wird. Durch Sehen und Sprechen entsteht alles, die Gedichtsammlung ist ein Archiv der besonderen Augenblicke, die das Wundersame im Alltäglichen erfahrbar machen.

Nur der Blick auf sich selbst fällt schwer. Wir wissen nicht, wer wir sind. Wir sind immer jemand anderes als der, der wir zu sein glauben. Wenn wir überhaupt daran glauben, jemand zu sein und nicht nur „ein kleines sterbliches Ding das niemand beachtet“. Es ist schwer, einen Stand zu gewinnen in der Fülle der Eindrücke des Lebens. Das Gesicht des alten Manns, der sich abends am Küchentisch rasiert, bleibt noch länger im Spiegel haften als der Mann selbst, der schon ins Bett gegangen ist. Ein anderes Gesicht erinnert „an das Schicksal von Zucker sich aufzulösen in schmelzender Süße.“ Das lyrische Ich aus dem Gedicht Wir sieht sich selbst und seine Geliebte am Schluss wie aus weiter Ferne, aber „wer war wer ich konnte es nicht sagen“. In Schöner Oktober kommt das Ich im Traum seines Hundes an, „und wenn ich am Morgen erwache ist das Bett bereits leer“. Und wenn „wir“ in Am Ufer „zu Kieseln“ werden, ist klar: Wir lösen uns auf, verschwimmen, verwischen. Aber das ist nicht (nur) als Selbstzerfleischung gemeint, es ist auch eine Chance, die wir haben, dieses Selbst, das wir durch die Welt tragen, abzuladen, zu vergessen, aufzugehen in etwas anderem, in Menschen, Tieren („Diese Krähe heute morgen und die Frage wie es in ihr aussieht“) oder in Dingen („Wenn wir die Dinge nicht lieben, suchen sie uns heim“). Wir werden zu Schwänen oder zu Mänteln oder „wir führen das Leben von trockenem Brot“. In alldem liegt die Chance für einen Rückzug aus dem ewigen Kreisen um sich selbst und um das, was man werden will und doch nicht werden kann. Umgekehrt bekommen auch die Dinge ein Eigenleben, man hört „das Gelächter der Wohnung“, ein Fenster schaut „verwundert“, „Rosen öffnen ihre Türen“, Wäsche flattert „wie feuchte Zungen, die nach Worten suchen“. Die Dinge sind nicht selten verwoben mit Vergangenem, Erinnerungen, Verlorenem, sie stehen für das Leblose, Tote, in dem doch, wenn man genau hinsieht, so viel Leben steckt.

„Mein Gedicht will kein Gedicht mehr sein es hat sich auf den Weg gemacht“, auf den Weg, will ich hinzufügen, in die wesentlichen Fragen und Stimmungen menschlicher Existenz. Auf den Weg, den anderen im Innersten zu berühren. Ihn teilhaben zu lassen an einem melancholischen, aber sinnlichen Blick auf unser Leben im Angesicht des Todes. „Vielleicht auch – doch komm mir nicht damit – die kleine Freude sterblich zu sein“. Diese Freude, sterblich zu sein, ist eine Freude, weil sie Trost spendet angesichts der Bitterkeit des verlorenen Vergangenen und der Einsamkeit des Daseins, sie ist eine Freude, weil der Tod, der „Knochenrüttler“, letztlich eine Erlösung darstellt vom Leiden am Leben und Denken und Kreisen um sich selbst. Deshalb zieht es uns zu den (toten) Dingen, die nicht leiden können; zu den Tieren, die nicht über den Tod nachdenken können; zu den Menschen, in der Hoffnung, dort etwas anderes zu finden als das, was man in sich selbst sieht. Aber sie ist „klein“, die Freude, weil sie gleichzeitig dem Tod nichts von seiner Absolutheit und seinem Schrecken nehmen kann, die Freude wird aufgehoben im Ausruf „doch komm mir nicht damit“, angesichts des langsamen Übergangs in die Nichtexistenz, „während das Leben an uns vorbeizieht“. „Wir kehren nie zurück heißt es“ und „nie werde ich erfahren warum ich hier bin“, „denn nichts gehört uns wirklich“, „eine Wolke aus Staub die sich auf Mutters Rosen legt dann Stille wir hören einen Bart rauschen doch es ist nichts und wieder nur nichts“, „liegst du auch gut man braucht ja nicht mehr viel während die Seele sich herumtreibt“, „ist jemand hier unsterblich“?

Max Sessners Gedichte berühren mich zutiefst. Über all seinen Zeilen liegt die Musik der Einsamkeit, geboren aus der Vereinzelung des Menschen angesichts des für ihn und nur für ihn selbst bestimmten Endes. Dass man beim Lesen seiner Gedichte dennoch nicht in den Abgrund der Depression fällt, liegt einerseits an der Form: Federleicht schweben die Gedichte, man könnte sie auch ohne Zeilenumbruch als Prosa-Geschichten lesen, aber durch die Umbrüche entsteht ein ganz eigener Sound, manchmal bewusst verwirrend, manchmal einfach mitreißend. Es liegt andererseits auch daran, dass die Gedichte ein stetes Anrennen gegen den erkannten Abgrund sind. Beim Lesen fällt man aus der Zeit heraus, vergisst das Schwere und ist für einen Augenblick mit dem Autor gemeinsam ein glücklicher Sisyphos. Nicht nur „ein Wort wäscht das andere“, sondern ein Blick wäscht den anderen, es ist, als ob wir das Sehen neu lernen, auf Dinge, die wir schon kennen, auf Menschen, Situationen, auf Unerhörtes, auch auf Skurrilitäten, auf alles, was im Geräusch des Lebensbetriebs untergeht, es entstehen immer wieder atemberaubende Bilder, wie von Zauberhand, die noch lange vor dem Auge schweben. „Am Ende ist man was man sieht“, und Max Sessners Gedichte schaffen es, den Worten das Worthafte zu nehmen und unmittelbare Bilder zu erwecken, als sei man nicht Leser, sondern Erleber, als steckte man in genau der Situation, die geschildert wird. Für mich ist jedes Gedicht wie eine kleine Reise, aber nicht mit dem Flugzeug, sondern zu Fuß, weil man bei aller Freude über das Wunderbare des gerade Gesehenen nie die Nähe zur Erde verliert, die Nähe zum Ende.

Nachwort zu: Max Sessner Warum gerade heute Graz – Wien (Droschl Verlag) 2012

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