Markus Orths

Markus Orths

Erzählung: Der Gräber

Ihr letztes Ausatmen entlädt sich mit trockenem Pfeifen und riecht nach altem Fahrradschlauch. Ihr Blick läuft leer: geradeaus zur Decke und hindurch. Ich nehme ihr die Augen vom Gesicht. 

Ich stehe auf, langsam, verlasse das Wohnzimmer und trete hinaus in den Garten. Der Schuppen ist mit Dreck und Staub bezogen. Mein alter Spaten hat Rost angesetzt. Ich hocke mich auf den Schemel, nehme, mit zittrigen Fingern, die Gartenschuhe und schüttle sie aus. Die Schuhe sind hart und trocken, das Leder ist klobig geworden mit der Zeit. Ich stülpe die Schuhe über die Socken. 
Die Stelle, an der ich grabe, ist dunkler als die übrige Fläche des Ackerbodens. Ich stoße meinen Spaten hinein, hart ist der Dreck, klumpig, halb gefroren. Es fällt mir schwer, den Spaten herauszuziehen und die Erde zur Seite zu kippen. Ich stehe still und stütze mich auf den Spaten, frostiger Atem vor mir. 
Nur eine Schicht, denke ich, das muss genügen, mehr ist nicht drin: mein Rücken, meine Zitterhände, meine abgeschlafften Muskeln. Nach einer halben Stunde ist das flache Loch lang genug. Ich steche den Spaten in die aufgehäufte Erde neben mir. Meine Brust fiept wie ein Blasebalg. Ich lege mich ins Loch. Zunächst sind die Augen geschlossen. Der Rücken schwimmt in Kälte. 

Das erste Mal habe ich gegraben, als ich achtzehn war und kurz vor dem Abitur stand. Um genau zu sein: Es war der Tag vor der mündlichen Prüfung. Ich spreche vom Graben eines Loches und nicht vom Umpflügen des Gartens im Herbst, zu dem ich schon viel früher (wohl mit dreizehn) herangezogen worden bin, weil der Garten sehr groß
war. Über dieses Umgraben im Herbst will ich nur so viel sagen, dass ich es gern getan habe, dass ich, wenn ich aus der Schule kam, sofort nach dem Essen meine alten Arbeitsklamotten überwarf und Stunde um Stunde grub, immer wieder mit der Schubkarre vom Misthaufen frischen Dung herbeiholte, den ich untermischte, bis am Abend eine ganze Parzelle des Gartens statt hart, verkrustet und mit Unkraut bewachsen, nunmehr offen, frisch und atmend dalag, als hätte ich die Erde aus einer langen, bitteren Kerkerhaft befreit. Wenn dann mein Vater nach Hause kam, schritt er die umgegrabene Fläche ab, mit prüfendem Blick, bückte sich manchmal, um einen Stein oder ein Fitzelchen Unkraut aus dem Dreck zu ziehen und auf den Gartenweg zu werfen, sagte, naja, hier ist noch ein kleines Loch, aber alles in allem zeigte er sich zufrieden und nickte anerkennend.
Als ich also in der Nacht vor der mündlichen Prüfung im Bett lag und nicht schlafen konnte, stand ich auf, zog mich an und ging in den Garten. Ich wollte eigentlich nur ein wenig frische Luft schnappen, mich vom Sauerstoff müde machen lassen, doch es war eine überaus helle Nacht, und als ich ein kleines, freies Stück Boden sah – mein Vater hatte tags zuvor die ersten Kartoffeln geerntet –, befiel mich plötzlich dieser Drang. Ich zog im Schuppen meine Stiefel an, nahm den Spaten und begann zu graben. Ich grub ein Loch. Ich maß dem, was ich tat, keine Bedeutung bei, sondern folgte einfach blind dieser Lust, die mich ergriffen hatte. Es war die Lust, wie wild zu graben, und da es nur ein kleines Stückchen war, welches mir zur Verfügung stand, grub ich nicht in die Breite, sondern in die Tiefe. Als das längliche Loch fast einen Meter tief war und ich in Schweiß stehend meinen Spaten wegstach, zögerte ich nicht, sondern legte mich hinein. Es war zu klein, ich musste meine Beine anwinkeln.
Ich lag dort und schaute hinaus. 
Der Mond war von meiner Lage aus nicht zu sehen, nur Wolken, die durch die helle Nacht zogen. Die Kühle der Erde war unangenehm. Ich blieb nicht lange liegen, aber lange genug, um ruhig zu werden, meine Atemzüge zu zählen und einen klaren Kopf zu bekommen. Das Zuschaufeln des Loches ging mir leicht und gleichmäßig, fast rhythmisch von der Hand. Ich nahm eine warme Dusche, legte mich ins Bett, es war fünf Uhr morgens, und ich schlief sofort ein.

Ich grub weiter. Ich grub vor den Prüfungen im Studium und vor meinem Vorstellungsgespräch und als unsere Firma kurz vorm Bankrott stand. Ich grub auch, als mein Vater starb und als meine Frau nach der Geburt unserer Tochter noch lange im Krankenhaus bleiben musste. Ich grub immer an derselben Stelle im Garten. Mal grub ich mit Bedacht und langsam und sorgfältig, mal wild und wie im Rausch. Mal grub ich lange und ausdauernd und bis ich vor Erschöpfung beinah umkippte, mal kurz und schnell und ohne dass sich Schweiß auf meinem Körper zeigte. Mal grub ich so tief, dass der Boden seine braunschwarze Farbe verlor und sandhell zu werden begann, mal nur eine flache Grube, auf deren Ränder ich meine Hände legen konnte. Mal war die Erde erhitzt und trocken und staubte auf, wenn ich grub, mal war sie feucht und klebte in Klumpen am Spaten, so dass ich innehalten und den Matsch mit dem Fuß abschaben musste. Und wenn ich nach dem Graben im Loch lag, öffneten sich alle Engen in mir, ich atmete tief ein und versuchte dem Geruch der Erde nachzuschmecken, ich lauschte auf das grauviolette Kringeln der Regenwürmer, rieb mit den Handflächen über den dunklen Innenraum der Grube und sah in den kleinen, eckigen Ausschnitt Welt, den das Loch mir bot.

Einmal, ich war 60 damals, war meine Tochter zu Besuch – sie hatte ihren Mann mitgebracht –, wir saßen lange und redeten, bis ich eine neue Flasche Wasser holen wollte, doch im Flur merkte, dass ich vergessen hatte, die leere Flasche mitzunehmen, so dass ich umkehrte und auf der Wohnzimmerschwelle stand, als meine Tochter, die mich nicht sah, diesen Satz sagte, diesen einen Satz, zu ihrem Mann, mit Stöhnen in der Stimme: Komm, lass uns bald gehen, ich kann sein Gerede nicht länger ertragen. Da drehte sie sich um und sah mich und erschrak. Sie wollte sich entschuldigen, mir klarmachen, dass sie es nicht so gemeint hätte, doch ich sagte nur: Ihr wolltet doch gehen. Und schickte sie hinaus.
Dann nahm ich meine Taschenlampe und begann zu graben. Es war stockdunkel, und ich sah nicht wirklich, was ich tat und wohinein ich meinen Spaten stach, das Licht der Lampe verzerrte nur, erhellte kaum. Die Erde war in dieser Nacht seltsam fremd für mich. Ich sah sie nicht, ich roch sie nicht, ich hörte sie nur: der schlitzende Stich hinein, wie ein scharfer Riss von Papier; das pfropfende Hochheben der Erde; und das dumpfe Fallen des Aushubs, wie ein ganz leichter Schlag auf ein Bongo. Als ich schließlich unten lag, keuchend und mit Tropfen der Wut im Gesicht, brauchte ich lange, um ruhig zu werden, brauchte ich sehr sehr lange, ehe die Erde mir die Schwere nahm und ich aufstehen und den Dreck an seinen alten Platz zurückschaufeln konnte.

Ich lasse das Loch offen heute, werfe es nicht wieder zu, weil mir kalt ist. Und ich bin müde. Ich nehme ein Bad. Danach, im Bademantel, betrete ich das Zimmer, in dem meine Frau liegt. Ich müsste eigentlich jemanden anrufen. Aber man würde sie abholen, und dann wäre sie fort. Warum? Die dümmste Frage, die man stellen kann, wenn ein Mensch einen Menschen verlässt, ist: Warum? 

Als meine Frau mich zum ersten Mal verließ, war ich fünfundzwanzig, und ich grub mit heftiger Traurigkeit. Ich grub mit Tränen, ich grub mit Brustbeben, mit kurzen, heftigen Pausen, in denen mein Körper nichts war als ein geschüttelter Baum. Ich grub mit Nebelnetzen vor den Augen. Ich grub in Raserei. Ich stach den Spaten so weit hinein, wie es ging, oder haute mit der Rückseite des Eisens die Erde platt. Ich bückte mich und grub mit den Händen, bohrte die Finger in das saftige, nasse, kühle Schwarz, sammelte das Innerste des Drecks in meinen Fingernägeln, die sich füllten und schwarz und schwärzer wurden. 
Es gab keinen Grund für die Trennung, doch wie gesagt, warum ist die dümmste aller Fragen, sie ging einfach, und als ich sie das letzte Mal sah, war eine Glasscheibe zwischen uns, am Flughafen. Ich konnte nicht hören, was sie sagte, ich konnte ihr Haar nicht riechen, ich konnte nur sehen, wie sie den Mund bewegte, ich hätte gern helle, offene i-Laute gesehen, vermischt mit der Gewissheit eines Wiedersehns, aber ich sah nur einen u-Laut, der aussah wie ein angedeuteter Kuss, doch war es alles andere als ein Kuss, nur ein trauriger Blick: Tut mir leid.
Dann drehte sie sich um und ging. Ohne zurückzublicken. Aber sie war so nah an der Scheibe gestanden, dass ihr letzter Atemzug noch am Glas klebte und von den Enden her verbrannte, wie Papier.